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Wenn man glaubte, dass einen das Schicksal nicht noch schlimmer treffen konnte, dann wurde es zumeist noch sehr viel schlimmer. Das Leben war nun einmal nicht fair, dass war ihm bewusst, aber auch mit diesem Wissen wurde es nicht fairer. Cornelius stieß einen leisen Seufzer aus, rieb sich verzweifelt die Augen, als würde er dadurch aus einem Alptraum erwachen und im nächsten Moment in seinem wohl behüteten Zuhause aufwachen.
Aber diese Zeiten waren leider vorbei. Inzwischen gab es niemanden mehr, der ihn ständig schützte, ihn leitete und ihm wenn nötig aus der Patsche half. Cornelius war nunmehr zwanzig. Genau genommen würde er nächste Woche seinen zwanzigsten Geburtstag feiern. Und er hatte noch immer nichts zustande gebracht. Seine Eltern hatten es ihm ermöglicht zur Schule zu gehen und anschließend eine Lehre zu beginnen, an der er jedoch gescheitert war. Tatsächlich waren es nicht die Aufgaben gewesen, die sein Meister ihm gegeben hatte. Die Glaserei war genau das richtige für ihn gewesen. Es hatte ihm Spaß gemacht. Der Fehler, den er gemacht hatte, war der, dass er sich an eine der Auszubildenden herangemacht hatte. Eigentlich war es etwas völlig harmloses gewesen und die Initiative war auch mehr von ihr ausgegangen, aber das hatte seinen Meister nicht sehr interessiert. Vor allem deshalb nicht, weil es seine Tochter gewesen war. Eine Tatsache, die Cornelius auf schmerzhafte Art und Weise hatte verstehen müssen. Anschließend hatte er also keinen Job mehr gehabt und sein Vater hatte ihn ebenfalls mit den Worten raus geschmissen, dass er doch endlich sein Leben in den Griff bekommen möge. Der Junge stieß sich von der Wand ab, nahm seinen Rucksack mit den paar Habseligkeiten in die Hand und ging weiter durch die Stadt. Er hoffte inständig, dass er einen anderen Betrieb finden konnte, wo er eine Ausbildung machen konnte. Eine andere Glaserei würde wohl nicht zu finden sein, was hieß, dass er sich einen anderen Beruf aussuchen musste. Das gefiel ihm ganz und gar nicht, aber viel Auswahl blieb ihm ja nicht. Er hatte ja gerade genug Geld um noch ein paar Nächte irgendwo unter zukommen. Bevor er einen neuen Beruf hatte, konnte er seinem Vater ja auch kaum unter die Augen treten. Etwas am Rande der Stadt, wo er sich inzwischen befand, gab es ein kleines Wirtshaus. Es war wohl mehr eine Kneipe, denn etwas anderes, aber draußen war an einem Schild zu lesen, dass auch Zimmer vermietet wurden. Cornelius schulterte den Rucksack und betrat das kleine Wirtshaus. Schnell beschloss er sich das Zimmer nachher zu mieten und saß wenige Minuten später alleine an einem Tisch. Alleine nur mit etwas zum Essen. Es war deftige Kost, die er sehr genoss. Im Moment wusste er ja nicht, wie die nächste Zeit für ihn aussehen würde. Gesättigt lehnte er sich zurück, legte die Hände in den Schoß und dachte nach, welche Betriebe es wohl noch alles in der Stadt gab. Plötzlich setzte sich ihm jemand gegenüber. Ein Mann, vielleicht Anfang zwanzig, also kaum älter als er selbst, mit langen, ordentlich gepflegten, schwarzen Haaren, die ihm elegant bis unter die Schultern reichten. Zu den langen Haaren völlig unpassend trug er ein Jacket. "Guten Abend", sagte dieser nun mit einem Lächeln. "Ich glaube nicht, dass wir verabredet waren", sagte Cornelius barsch. "Und ich habe sie auch nicht darum gebeten, sich hierhin zu setzen." "Ganz ruhig", meinte sein Gegenüber noch immer mit einem Lächeln. "Ich tue ja nichts. Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Jonathan. Und du bist..." Da Cornelius schwieg, machte Jonathan nur eine abwinkende Bewegung mit der Hand. "Ich dachte mir, wir sollten uns vielleicht unterhalten. Du könntest meine Hilfe be-nötigen." Cornelius rollte als Antwort mit den Augen, hob die Hand kurz, um die Bedingung zu sich heranzuholen. "Die Rechnung bitte", meinte er. "Sehr gerne", erwiderte die Kellnerin und verschwand. "Ich sehe schon, du bist nicht zum Plaudern aufgelegt. Aber hör' mal zu, Cornelius." Dieses Mal zuckte der Junge zusammen, blickte sein mysteriöses Gegenüber unsicher ist. Woher wusste der seinen Namen? Kannte er ihn vielleicht? "Du brauchst Hilfe", fuhr Cornelius unbeirrt fort. "Du bist knapp bei Kasse, hast kein Zuhause und keinen Job. Was wäre, wenn ich dir ein kleines Angebot mache, dass dir helfen wird? Hm?" "Fahren Sie fort", murmelte Cornelius nach einiger Zeit. "Ganz einfach. Wir fahren zu mir, machen die natürlichste Sache der Welt und du bekommst dafür von mir...sagen wir 3000 Euro. Wie klingt das?" "Vergiss es. Ich bin nicht schwul. Sowas mache ich nicht mit." "Das Problem ist, dass du bald keine Wahl mehr hast. Wie viel Geld hast du noch? Einhundert? Zweihundert? Oder weniger? Wie schnell findest du wohl einen Betrieb, der dich so dir-nichts-mir-nichts aufnehmen wird? Wohl kaum sonderlich schnell. Also. Eine Nacht und du bist 3000 Euro reicher. Nach dieser Nacht wirst du dir um nichts mehr Sorgen machen müssen. Das verspreche ich dir. Also?" Cornelius legte verzweifelt sein Gesicht in die Hände. Das war entwürdigend. Er sank tiefer als tief. Das ging doch nicht. Auch wenn 3000 Euro sicherlich dafür sorgen würden, dass er, wenn nötig, sogar in eine andere Stadt fahren konnte. 3000 Euro wiederholte er innerlich. Für eine Nacht der Demütigung? Die Bedienung, die zurück kam und ihm die Rechnung auf den Tisch legte, holte ihn aus seinen Gedanken zurück. Jonathan zog die Rechnung zu sich heran und legte einige Scheine auf den Tisch. "Der Rest ist für Sie", sagte Jonathan mit einem Lächeln. "Vielen Dank. Sehr großzügig von Ihnen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend", verabschiedete sich die Kellnerin. "Was meinst du jetzt, Cornelius? Eine Nacht und keine Probleme mehr? Du hast nichts zu verlieren, oder?" {it Außer vielleicht mein letztes Bisschen Anstand und Ehrgefühl}, dachte sich der Angesprochene insgeheimen. Jonathan nahm ihm die Entscheidung jedoch ab. "Lass uns gehen", meinte er mit einem Lächeln. Cornelius nahm seinen Rucksack, schulterte ihn und folgte ihm schweigend. Draußen führte Jonathan ihn zu einem Wagen. Ein schwarzer, eleganter Sportwagen, der keinen Zweifel daran ließ, dass der junge Mann eine Menge Geld zur Verfügung hatte. Nachdem Cornelius auf dem Beifahrersitz saß, startete Jonathan den Motor und fuhr los. Mehr und mehr bereute Cornelius die Lage, in der er jetzt war. Aber ein Zurück gab es wohl kaum mehr. Die Fahrt dauerte einige Zeit und Cornelius konnte wegen dem einsetzenden Schnee allmählich nicht mehr sehen, wo sie überhaupt hinfuhren. Jonathan schien keinerlei Probleme zu haben, dem Straßenverlauf zu folgen. "Wo fahren wir überhaupt hin?", fragte Cornelius. "Sagte ich doch. Zu mir nach Hause." "Und...wo ist das?" "Nicht mehr weit, keine Sorge. Die genaue Adresse musst du nicht wissen. Ist doch einfacher, oder? Morgen fahre ich dich zurück und wir sind uns nie begegnet. Klingt doch toll, oder?" "Ja..." Ganz falsch war es nicht. Immerhin würde er dann anschließend sein Leben wieder normal weiterführen können. Er hoffte nur, dass es das einzige und das letzte Mal war, wo er zu so etwas gezwungen sein würde. "Was machen Sie eigentlich? Beruflich, meine ich. Wenn Sie sich so ein Auto und alles leisten können..." "Ich bin Vorstandsmitglied einer Firma", erwiderte Jonathan ruhig. "Welche Firma das ist, möchte ich aber nicht sagen, okay?" "Natürlich. Ja." "Du darfst mich übrigens duzen." "Ja...Okay. Mache ich." "Nicht so nervös. Entspann dich mal." Das war leichter gesagt als getan. Er rutschte die ganze Fahrt unruhig auf seinem Sitz hin und her, bis sie schließlich irgendwo auf der Straße mehrmals abbogen und schließlich vor einem Haus anhielten. Wobei Haus leicht untertrieben war. Als sie ausstiegen konnte Cornelius sehen, dass es mehr eine Villa als etwas anderes war. Er blickte sich um, konnte aber außer Bäume und der Straße nichts anderes sehen. Sonst war kein anderes Haus in der Nähe. Unsicher folgte er Jonathan zur Haustür, welche dieser aufschließ, um ihn dann mit einer Geste hineinzubeten. "Zieh dich erst einmal aus", meinte Jonathan. Als Cornelius zögerte, schaute Jonathan ihn an und lachte dann. "Die Jacke und die Schuhe, meine ich. Ganz ruhig." Cornelius versuchte zu lächeln und zog sich die Sachen aus, die er dann anständig an die Garderobe hängte. "Möchtest du erst einmal einen Kaffee haben? Die Nacht wird lang", lächelte der Gastgeber. Cornelius nickte stumm, versuchte wieder freundlich zu lächeln, was ihm nicht ganz gelang. Es kribbelte regelrecht im Bauch, er wusste nicht, was er tun sollte. Schließlich folgte er dem Mann jedoch in die Küche, wo er sich an den Esstisch setzen sollte. Kurz darauf bekam er eine Tasse von dem schwarzen Gebräu, während sich Jonathan mit seiner eigenen Tasse gegen die Küchenzeile lehnte. Schweigend tranken sie jeder ihren Kaffee, nur gelegentlich blickte Cornelius auf, nur um dann in das freundliche Gesicht von Jonathan zu lächeln. Irgendwas stimmte nicht. Und doch kam er nicht darauf, was es war. Vielleicht er auch nur einfach paranoid, nachdem er sich selbst wieder in diese Lage gebracht hatte. Nach einiger Zeit räusperte sich Jonathan. "Ich glaube", begann er langsam, "es wäre nur fair, wenn ich dir erkläre, wer ich bin." "Inwiefern?" "Na ja. Besser nicht wer...sondern was ich bin." "Verstehe ich nicht wirklich, wenn ich ehrlich sein soll." "Okay. Ich rede Klartext. Ich bin ein Vampir. Und du wirst mein zukünftiger und ehrenloser Eunuchensklave sein."
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