Die Spritze (German)
By: Il Musico

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In early postwar eastern Germany, a musically gifted orphan enters a very special boarding school. He is mighty afraid of injections.In den ersten Nachkriegsjahren kommt ein musikbegabter Weisenknabe aus Dresden in ein ganz besonderes Internat. Spritzen mag er ganz und gar nicht.


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Das Licht der Welt erblickte ich in der damals noch sprichwörtlich schönen Stadt Dresden, allerdings aber in einer stark gebräunten und mit Hakenkreuzen gespickten Zeit. Ich hatte kaum gelernt, die Augen zu öffnen und die Mutter von der Deckenlampe zu unterscheiden, als auch schon der irrsinnige Krieg losging.

Mein Vater muss ein arger Hitzkopf gewesen sein, denn er meldete sich fast am ersten Tag noch als Freiwilliger, wurde genommen, ließ uns sitzen, ging an die Front, und schon sehr bald bekam meine Mutter diesen gefürchteten Brief, den nachher noch so viele Mütter und Ehefrauen bekommen sollten: “Gefallen für den Verführer, sein blindes Volk und das Vaterland”, oder so ähnlich. Der verfluchte Hitler hatte mich zur Halbwaise gemacht.

Meine gute Mutter, bis dahin nichts als Hausfrau, musste notgedrungen eine Arbeit suchen, um uns über Wasser zu halten, und fand sie in einer optischen Fabrik, die bis dahin Kameras und Ferngläser produziert hatte, jetzt aber hauptsächlich Zielgeräte baute. Sie war daher fast nur nachts zuhause, und ich kam tagsüber in eine Kinderkrippe, die mir aus meiner letzten Zeit dort noch ganz dunkel im Begriff ist.

Als die Lage für Deutschland schlimm wurde, und immer öfter Fliegerangriffe auf Städte stattfanden, wurde ich genauso wie so viele andere Kinder aufs Land ausgelagert. Ich kam zu meiner Oma, die ein kleines Gut irgendwo zwischen Hasenschwanzspitzental und Fuchsschnauzenstein bewirtschaftete – genauer weiß ich es auch nicht mehr zu sagen, wo das war. Jedenfalls nicht weit von Dresden, aber eben doch auf dem Lande.

Omas Gut selbst habe ich recht gut in Errinerung – besonders aber ihren Obstgarten, der höchst nahrhaft war und auch überaus gut schmeckte. Sie meinte immer, dass ich ihr die gesamten Himbeeren wegfuttern würde, so das nichts mehr für Marmelade da sein würde, aber das war glatt übertrieben: So viele Himbeeren, wie da wuchsen, konnte nicht mal ich verdrücken, besonders, wenn sie mit den Kirschen, Pflaumen, Stachelbeeren, Johannisbeeren und sonst was noch alles im Wettbewerb standen! Zudem noch kochte Oma ganz wunderbar, und obwohl in den Städten langsam alles knapp wurde, hatten wir es auf dem Land eigentlich ganz gut.

Man merkte noch nicht allzu viel vom Krieg, da draußen. Eigentlich nur den Flugverkehr! Ich wurde nach und nach zum Experten, wusste all die Messerschmitts, Junkers, Heinkels und so weiter am Motorengeräusch zu erkennen. Ueberhaupt hatte ich recht gute Ohren. Bald aber wurde der Katalog um zunehmende Mengen von Spitfires, Lancasters und sonstige fremde Vögel erweitert, was mich sehr interessierte, aber unter den Erwachsenen nicht gern gesehen wurde. Omas Volksempfänger brachte trotz allem immer nur gute Nachrichten, von Siegen überall, aber irgendwann gab sie es auf: “Das Ding lügt doch wie gedruckt,” sagte sie mal.

Ja, und dann kam diese Nacht, in der es gar nicht mehr aufhören wollte zu brummen, tosen und krachen. Ich hörte Unmengen von dicken Brummern, und zwar feindliche, und dazwischen nur einmal ganz wenige Messerschmitts, die dann sehr bald wieder weg waren. Als ich meiner Oma haarklein aufzählte, wie viele Flugzeuge von jedem Typ ich meinte zu hören, fuhr sie dazwischen: “Mein Gott, Michael, hör doch auf damit, merkst du denn nicht, dass die gerade Dresden bombardieren?”

Ich kroch auf den Dachboden. Oma wollte nicht mit. Von da oben aus sah man durch das kleine Fenster in Richtung Dresden. Und dort ging es tatsächlich hoch her! Man sah viele Lichtfinger kreuz und quer durch den verrauchten Himmel ziehen, gewaltiger Lichtschein stand in den Wolken, obwohl doch Dresden wie alle anderen Städte verdunkelt sein sollte! Es sah aus wie Feuerschein. Ganz kindlich wünschte ich mir, dort bei meiner Mutter zu sein, um das Ganze genauer betrachten zu können. Es war ein so schaurig schönes Schauspiel, aus der Sicht des fast Sechsjährigen, der ich damals war.

Oma versuchte Tags darauf, nach Dresden durchzukommen. Es gelang ihr nicht. Erst mehrere Tage später erfuhren wir, dass es unser Haus nicht mehr gab, und meine Mutter auch nicht mehr. Und auch sonst gab es nicht mehr viel in Dresden. Nur Trümmer, sehr viel Leiden, und die Frage: Warum?

Was der spinnende Hitler ein paar Jahre vorher angefangen hatte, das hatten die Allierten nun zu Ende gebracht: Mit vereinten Kräften hatten mich die Kriegsrührer dieser Welt zur Vollwaise gemacht.

Der Krieg war nun bald zu Ende. Die Russen kamen. Bei meiner Oma auf dem Gut gab es zu dem Zeitpunkt nicht mehr viel zu holen, also nahmen die Plünderer mit Speise und Trank vorlieb. Vom Alter weise gemacht, kochte ihnen Oma genauso gut wie mir. Oma selbst war zu alt, um die russischen Soldaten zu reizen, und offenbar war unter ihnen auch keiner, dem sich an einem kleinen Jungen zu vergreifen Spaß gemacht hätte. Also passierte uns nichts weiter, als dass unsere Speisekammer derart leer wurde, dass sie ein gräßliches Echo erzeugte. Und sie wieder zu füllen würde schwer werden.

Trotz dem glimpflichen Ausgang war das Ganze zu viel für meine Oma. Eines Morgens wachte sie nicht mehr auf. Ich rannte zu den Nachbarn, Hilfe zu holen, und das war recht weit. Aber Oma war tot, im Schlaf verschieden.

Die guten Nachbarn gaben mir für einige Zeit Obdach und Essen, aber lange ging das nicht, denn in der harten Nachkriegszeit fiel jeder zusätzliche Mund stark ins Gewicht, besonders wenn er jemandem gehörte, der noch zu klein war, um bei der Arbeit wirklich mit anzupacken. Deshalb wurde ich an die Behörden ausgeliefert, sobald sich so etwas ähnliches wie Behörden ausgebildet hatte. Die befanden nun, dass ich längst überreif zur Einschulung war, und ich kam in das Knabeninternat von Freiberg.

Dort habe ich mich niemals wohlgefühlt. Schon mein Anfang dort war schlecht. Ich hatte noch nie im Leben Gelegenheit gehabt zu lernen, mit Gleichaltrigen umzugehen. Dadurch habe ich mir bei meiner Ankunft gleich die Aussicht verdorben, Freunde zu gewinnen. Ich war der Außenseiter, der Unberührbare, der, dem man die Schuld zuschiebt, wenn jemand mal was ausgefressen hat, und der zu schüchtern ist, sich zu verteidigen. Ich wurde oft und viel geprügelt, am Anfang sowohl von Lehrern wie Schülern, später aber fast nur noch von Schülern, da die Lehrer inzwischen herausgefunden hatten, dass ich meistens nicht der Schuldige war, wenn eine Scheibe kaputt ging oder sonstwas passierte. Die lieben Mitschüler dagegen prügelten mich dann umso mehr, zum Ausgleich. Immer gleich mindestens zehn zusammen, damit es sich lohnte und ich mich auch wirklich nicht verteidigen konnte. Besonders schlimm waren die Größeren, die so um die 13-14 Jahre waren. Die konnten schon so fest hauen wie die ganz großen, wussten das aber noch nicht und nahmen sich deshalb auch nicht in Acht. Die ganz großen dagegen waren zum Glück nicht mehr so interessiert daran, sich an einem Erstklässler auszulassen.

Das Internat war hoffnungslos überfüllt, da es so viele Kriegswaisen gab und so wenige Institutionen, die sie aufnehmen konnten. Auch gab es sehr wenig und ziemlich schlecht zu essen. Oftmals nahmen die Größeren uns Kleinen, und besonders mir, einfach das Essen weg, um ihren eigenen Hunger zu stillen. Wir konnten dagegen nichts tun, und die wenigen erwachsenen Aufsichtskräfte konnten ihre Augen auch nicht überall haben. Kurz, es war schlimm. Im Krieg selbst bin ich weitgehend davongekommen, aber in der drauffolgenden Zeit war ich dran.

Ich schottete mich ab, soweit das möglich war. Ich sprach zu niemandem, sofern es nicht unbedingt nötig war. Die anderen Jungs ließen mich dann einfach links liegen, aber einige Lehrer gaben sich besondere Mühe mit mir. Das versuchte ich dann mit besonderer Aufmerksamkeit zu danken. Dies wiederum führte zu guten Noten, weshalb ich dann von den Mitschülern als “Streber” abgestempelt wurde, was mir erneut Prügel einbrachte. Es war einfach nicht hinzukriegen.

Immer wenn ich konnte, verkroch ich mich in die letzte Ecke des recht großen Schulhofs. Dort standen große Bäume, unter die ich mich legte, um die Vögel zu beobachten, anzuhören, nachzuahmen. Ich lernte Vogelsprachen! Viele Vogelarten haben ja eine ganze Menge verschieden Rufe, die sie je nach Fall anwenden. Ich machte diese Rufe nach, teils mit Pfiffen, teils mit meiner Stimme, manchmal auch beides gleichzeitig. Ich kam so weit, dass ich tatsächlich Vögel aus den Bäumen herbeirufen konnte, die dann auf mir herumhüpften, was mir unendliches Glück bereitete. Diese Vögel waren in den Jahren tatsächlich meine einzigen Freunde. Im Winter vermisste ich sie sehr. Da war ich dann ganz allein inmitten dieser Horde von Jungen, so seltsam das anmuten mag. Und so ging es jahrelang.

Eines Tages wurde der Musiklehrer auf mich aufmerksam. Wir hatten gerade Singstunde. Fünfundvierzig Jungen, die durcheinandergrölten, und vorne ein armer Mann, der die schwere Aufgabe hatte, da irgendwie Ordnung und Harmonie reinzubringen. Er tat mir leid, ich wollte ihm helfen. Also sang ich laut und klar, und das stach heraus aus dem Haufen. Er sah zu mir, dirigierte mich, nicht die Klasse, und dann rief er mich heraus. Ich musste nach vorne, da vor der ganzen Klasse das ganze Lied vorsingen. Erst traute ich mich nicht, so ganz allein, aber dann tat ich es, mit Trotz. “Schön”, sagte er nur. Ich fühlte mich mächtig gebauchklatscht. Den Rest der Stunde musste ich immer vorsingen, die anderen sollten es nachmachen, und es fand eine Art Teilung statt: Die eine Gruppe wollte nicht weniger sein als ich, und gab sich Mühe, während der restliche Haufen dagegen protestierte, und absichtlich falsch sang und Radau machte.

Für mich hatte diese Singstunde Konsequenzen. Gleich in der Pause danach wurde ich mal wieder von einer Gruppe meiner lieben Klassenkameraden windelweich geprügelt, aber ich war es ja gewohnt und machte mir nicht mehr viel daraus.

Wichtiger war es, Herrn Huber aufgefallen zu sein. So hieß dieser Lehrer, und er sollte noch zu einer wegweisenden Person in meinem Leben werden, aber das wusste ich damals noch nicht. Was ich sehr wohl wusste, war, dass Herr Huber ein Motorrad besaß, mit Beiwagen sogar. Irgendwie war das alte Gefährt durch den Krieg gekommen und hatte dann seinen Weg in Herrn Hubers Hände gefunden. Dieser Knatterkasten brachte ihm bei den Jungs wesentlich mehr Respekt ein als alle seine Musikkentnisse. Deshalb gab es großes Aufsehen, als er ein Preisausschreiben ankündigte: Es galt, ein selbstgewähltes Lied vor der Klasse vorzutragen, und die besten drei Sänger würde er zu einem Motorradausflug mitnehmen, zwei im Beiwagen, den dritten hinten drauf!

Das zog! Im Nu wurde die ganze Klasse zu Meistersingeranwärtern. Ich wurde von denen verwarnt, ja nicht zu gut zu singen, denn ich sollte keinen solchen Ehrenplatz bekommen. Ich tat es trotzdem, und ersang mir ohne große Mühe den ersten Platz. Das brachte mir eine fürchterliche Tracht Prügel ein, aber am Sonntag war ich dabei!

Die Fahrt war nicht allzu weit, aber schön. Es ging durch Berg und Tal, Wald und Feld, über neu erbaute Brücken – und an sehr vielen Trümmerhaufen vorbei. Wir wechselten uns ab, hinten auf dem Soziussitz oder im Beiwagen zu fahren. Der Fahrtwind pfiff uns um die Ohren, es war ein richtiges Erlebnis. Aber was ich gehofft hatte, geschah nicht: Selbst diese Fahrt zusammen reichte nicht, um mit den anderen beiden Jungs endlich Freundschaft zu schließen. Ich bot es ihnen ganz tolpatschig an. Sie lehnten es hochmütig ab. Heutzutage verzeihe ich es ihnen. Wir waren halt allesamt Kriegskinder. Jeder von uns hatte was mitgemacht, seine Eltern verloren. Man war hart. Aber damals schien es mir bodenlos gemein.

Eine Woche später fragte mich Herr Huber, ob ich nicht öfters mal Motorrad fahren wollte. Natürlich wollte ich! Er meinte darauf, dass sich das machen ließe, allerdings inVerbindung mit Singstunden bei sich zu Hause. Sein Vorschlag war ganz einfach: Anstatt die Sonntage im Internat herumzusitzen, wollte er mich abholen, mir Privatunterricht im Singen erteilen, und am Abend zurückbringen. Er meinte nämlich, es wäre eine Schande, wenn jemand mit meiner musikalischer Begabung (so sagte er!) verloren ginge. Ich dagegen freute mich auf die Knattertouren in seiner alten Mühle, und ganz insgeheim hoffte ich, dass vielleicht sogar ein anständiges Mittagessen für mich dabei herausspringen würde! Also sagte ich ja.

Herr Huber wohnte gar nicht weit vom Internat, wie ich am nächsten Sonntag zu meinem Leidwesen feststellen musste. Die Motorradfahrten waren also nur kurz. Aber immerhin!

Herr Huber hatte Frau und zwei Kinder. Der Junge war etwa in meinem Alter, das Mädchen etwas älter. Ich hoffte gleich wieder auf einen richtigen Freund, aber ich sah Jens nur zum Mittagessen. Dieses allerdings war wirklich gut! Eine wahre Wohltat, nach der Internatskost.

Die Singstunde dauerte fast den ganzen Sonntag lang. Herr Huber ließ mich erst mal mein ganzes Register aussingen, reizte mich an seinem Klavier immer höher und höher, bis ich wirklich nicht mehr folgen konnte, und dann immer tiefer, bis an die andere Grenze. Da setzte er nun selbst ein, und begleitete sich bis in den tiefsten Brummbaß runter. Dann meinte er, ich sei klar Sopran, aber “mit wunderbar flexibler Stimme”. Was das hieß, war mir wiederum nicht klar. Aber es klang wie ein Kompliment. Er zeigte mir dann Tricks, wie man die Stimme besser herausbrachte, wie man sie mit den Bauchmuskeln stützte, und so weiter. Auch lernte ich etliche Lieder, und das Notenlesen setze er als so selbstverständlich voraus, dass ich so tat, als ob ich es könnte. Die Wahrheit war aber, dass ich mir die Melodien merkte, und von den Blättern nur den Text ablas. Die seltsamen Kringel der Notenschrift blieben mir noch einige Zeit fremd.

Von nun an überlebte ich die Woche im Internat immer nur, und freute mich auf das echte Leben am Sonntag. Nach und nach lernte ich Notenlesen, Musiktheorie, und natürlich sang ich ganz viel, und hatte mir bald ein respektables Repertoire erarbeitet. Im Internat dagegen wurde ich auch weiterhin regelmäßig verhauen, aber das empfand ich inzwischen als so normal, dass es mir nichts mehr ausmachte. Wichtiger war mein neugefundenes Glück in der Musik.

Eines Tages sagte mir Herr Huber, dass es am Nachmittag etwas ganz besonderes gäbe. Und zwar ein Konzert in Dresden! Nicht lang nach dem Mittagessen ratterten wir los, nur Herr Huber und ich. Der Rest seiner Familie hatte nicht viel für Musik übrig, erklärte er mir. Wir kamen recht früh dort an. Ich meinte, noch Erinnerungen an Dresden zu haben, aber erkennen konnte ich nichts. Unendliche Trümmerhaufen überall, Bretterbuden und andere Notunterkünfte dazwischen. Ab und zu mal neue Bauten, quadratische Blöcke ohne jeden Schmuck. Viele Ruinen, die irgendwie wie hohle Zähne aussahen. Dazwischen die geräumten Straßen.

Ich wusste natürlich, dass Dresden zerbombt worden war, hatte ich doch den Bombenregen aus der Ferne mitangesehen. Aber ich hatte mir nie eine Vorstellung davon gemacht, wie das wohl hinterher aussah. Und dass nach fünf Jahren immer noch so viel kaputt war! Die Frage befiel mich, wie wohl unser Haus aussah, was von ihm noch übrig war. Ein klammes Gefühl hatte ich, so eine Idee, ein Traum, dass es vielleicht gar nicht wahr wäre, diese Geschichte vom Tod meiner Mutter. Das Gespinst, dass unser Haus doch noch unversehrt stehen würde, dass meine Mutter heraustreten würde, mich in ihre Arme schließen würde…

Ganz zaghaft fragte ich Herrn Huber, ob wir noch dahin fahren könnten. Allein hinfinden konnte ich nicht, aber die Adresse hatte ich noch im Kopf, die hatte ich bei Oma auswendig lernen müssen. Herr Huber sagte erst ganz leise “Lieber nicht”. Aber als ich ihm versicherte, dass ich durchhalten würde, egal was käme, fuhr er mich hin.

Wir fanden nichts als Trümmer. Nicht mal hohle Zähne, auch keine Notbuden. Nur Fetzen, Reste. Es war nicht mal möglich, festzustellen, genau wo unser Haus mal gestanden hatte.

Ich hielt durch. Es war nicht mal richtig schwer, nur war es so schade, dass mein Traum vom unversehrten Haus und der lebenden Mutter nicht in Erfüllung gegangen war. Und dann machten wir uns auf, in das, was von Dresdens Stadtmitte noch übrig oder schon wieder aufgebaut war.

Das Konzert fand in einem riesigen hohlen Zahn statt. Herr Huber sagte mir, das sei mal die Kreuzkirche gewesen. Es war ein Chorkonzert, vom Kreuzchor, und das Musikstück, das heute gesungen würde, stammte von Rudolf Mauersberger. Das war der Direktor dieses Chores, und er hätte den Chor gerade erst wieder neu aufgebaut. Das Werk hieß “Dresdner Requiem”. Wie jemand dazu kam, ein Musikstück so zu nennen, war selbst mir, dem kleinen dummen Jungen, sonnenklar, nachdem wir eine Stunde lang zwischen kilometerlangen Schutthaufen herumgeknattert waren.

Der hohle Zahn hatte kein Dach mehr, und Sitzplätze gab es natürlich auch nicht. Also suchten wir uns einen guten Stehplatz an den Resten einer Mauer, wo ich etwas hochklettern konnte, um auch noch was zu sehen, wenn Erwachsene vor mir standen.

Das Orchester nahm Platz. Und dann kam der Chor herein. “Das sind ja Jungs!” entfuhr es mir. Und so viele! Da war ich ja gespannt, wie die singen würden! Die Jungs, die hereinkamen, wurden immer größer, und die letzten waren schon fast Männer. Dann kam ein glatzköpfiges Männchen, und alles applaudierte. Das war Herr Mauersberger.

Die nächste Stunde war zutieftst beeindruckend. Es war eine schwere Musik, die da gesungen wurde, irgendwie herb, zumeist nicht schön, manchmal aber doch, und dann besonders. Aber irgendwie fügte sie sich zu einer Gesamtheit, die so unwahrscheinlich gut in diese Ruinenwelt passte!

Das Tollste aber, ohne jeden Zweifel, war ein Junge mit weit abstehenden Ohren, der alle die wichtigsten Solos sang. Er hatte eine ganz seltsame, dunkle, für einen Jungen tiefe Stimme, die ungeheuerlich durch Mark und Bein ging. Wenn er sang, traute ich mich nicht mal zu atmen, aus Angst, ich könnte diesen Klang stören! Wieviele Motorradfahrten hatte der sich wohl schon ersungen? Er war einfach wunderbar!

Als das Konzert vorbei war, und wir mit dem Menschenstrom hinauswanderten, ließ mich Herr Huber erst mal mit meinen Gedanken allein. Er hatte offenbar auch die seinen. Beim Motorrad angekommen, sprach ich zuerst: “Bei denen würde ich so gerne mitmachen!” Es kam von ganzem Herzen. Solche Musik singen, vor Publikum, und vielleicht diesen Jungen mit der tollen Altstimme zum Freund gewinnen, das war einiges wert!

Ich musste ganz fürchterlich lachen, als mir Herr Huber sagte, wie dieser wunderbare Sängerknabe hieß: Peter Schreier! Ich dachte, das sei ein Witz gewesen. Aber es stimmte, so hieß der Arme tatsächlich! Und Herr Huber meinte, aus dem würde ganz bestimmt eines Tages ein weltberühmter Sänger werden. Das konnte ich gut glauben, aber vorerst dachte ich eher an praktische Dinge: Wenn ich beim Kreuzchor mitmachen könnte, wäre ich vor Spott und Prügel sicher, denn all das zieht bestimmt dieser bemitleidenswerte Junge namens Schreier auf sich! Und wenn das so wäre, würde ich ihm auch bestimmt Freundschaft anbieten, und ihm beistehen. Ich träumte von einer Freundschaft mit so jemandem. Ich brauchte sie selbst so sehr!

Ich ließ nicht nach in der folgenden Woche. Ich bat und bettelte Herrn Huber an, dass er doch nachfragen möge, ob vielleicht beim Kreuzchor ein Platz für mich zu finden wäre. Endlich gab der gute Mann nach, und fuhr nach Dresden zu einer Unterredung mit Mauersberger. Leider war aber nichts zu machen: Der Kreuzchor hatte mehr als genug Sänger, dafür aber zu wenig Platz im Alumnat und immer viel zu wenig Geld. Ich war den Tränen nahe, als ich das erfuhr. Ganz nahe!

Doch weitere zwei Wochen später, am Sonntagnachmittag bei Herrn Huber in seinem Musikzimmer, fragte er mich plötzlich, mitten aus einem Klavierakkord heraus: “Michael, willst du wirklich weg von deinem Internat, und dein Glück woanders versuchen?” Nichts lieber als das, versicherte ich ihm! Er klappte das Klavier zu, sah mich an, und dann fing er an zu erzählen, was er im Sinn hatte.

Und das war vielversprechend, aber auch recht sonderbar. Er erzählte mir, dass er von Herrn Mauersberger einen Wink bekommen hatte, der ihn zu einer ganz besonderen Schule geleitet hatte. Es war eine ganz kleine Internatschule, die nur wenige Dutzend Schüler hatte, die rein wegen ihrer musikalischen Begabung dort hinkamen. Sie wurde finanziert von einem Herrn, der viel Geld durch den Krieg gerettet hatte, und jetzt als alter Mann dieses Geld dazu verwendete, ausgesuchten Kriegswaisen ein Zuhause, eine gute Erziehung, und erstklassige Musikkentnisse auf den Lebensweg zu geben. Der Herr, der nicht gerne mit Namen genannt werden wollte, war begeisterter Anhänger der Barockmusik und deren originaler Aufführungspraxis. So hatte er es sich in den Sinn gesetzt, Sänger zu diesem Zweck auszubilden. Um in die Schule aufgenommen zu werden, gab es nur drei Bedingungen: Erstmal musste man ein Junge sein, nicht älter als zwölf Jahre oder so. Ich war damals elf. Zweitens musste man eine gute Stimme, ein gutes Gehör, und ordentlich musikalische Begabung haben. Herr Huber meinte, ich hätte alles das zur Genüge. Und drittens – und da klang seine Stimme etwas gepresst: “Du müsstest dich bereit erklären, dich kastrieren zu lassen.”

Irgendwo hatte ich mal was vom Kastrieren gehört. Ich wusste, dass dort in Italien, vor langer, langer Zeit, noch bevor es Mussolini gab, manche Jungs kastriert wurden, damit sie nachher ihr Leben lang besonders gut singen konnten. Ich hatte aber auch irgendwo aufgeschnappt, dass das furchtbar weh tat, und dass manche Jungs dabei sogar gestorben sind! Das gefiel mir nun gar nicht, auch wenn ich nicht wusste, was genau beim Kastrieren eigentlich gemacht wurde. Aber es war unter meiner Ehre, zuzugeben, dass ich etwas so sehr mit der Musik verwandtes nicht wusste, und das ausgerechnet, nachdem Herr Huber meine Musikkentnisse gelobt hatte! Also entschied ich, mich diplomatisch zu fassen, und so etwas mehr zu erfahren. Also fragte ich nur ganz zaghaft: “Tut das nicht furchtbar weh?”

“Heutzutage ist das gar nicht mehr so schlimm,” tröstete mich Herr Huber. “Die geben dir einfach eine Spritze, und damit hat sichs. Du merkst gar nichts.”

Also mit einer Spritze machte man das! Ich mochte Spritzen ganz und gar nicht. Ich war schon mal geimpft worden, und an den Stich konnte ich mich immer noch gut errinern. Und vor einem Jahr, als ich irgendeine Krankheit hatte, wusste der Schularzt nichts besseres, als mir gleich drei Spritzen in den Po zu geben, erst links, am nächsten Tag rechts, und am dritten wieder links! Die haben höllisch weh getan, und jede Spritze erzeugte eine Kartoffel im Hintern, die noch mehr als eine Woche anhielt! Das war scheußlich gewesen. Schlafen konnte ich nur auf dem Bauch, und sitzen gar nicht.

Aber andererseits, wenn ich nicht zu dieser Kastrierspritze einwilligte, würde ich weiterhin im Freiberger Internat als Prügelknabe dienen. War das besser?

“Ohne kastrieren geht es nicht?” fragte ich Herrn Huber.

“Nein. Leider nicht.”

Dann fragte ich ihn, ob es dort denn wirklich besser wäre als im Internat. Denn wenn ich mir erstmal diese Spritze geben lasse, dachte ich, und dann dort alles genauso gemein ist wie in Freiberg, wäre es wirklich blöd!

Und da erzählte mir Herr Huber, dass in dieser geheimnisvollen Schule jeder künftige Schüler sowieso erst mal zu einem Schnuppertag eingeladen würde, damit man sich kennenlernt, der Junge sehen kann, wie dort die Sachen laufen, und außerdem würde dann die Aufnahmeprüfung gemacht. Nur wenn alles auf beiden Seiten klar war, wurde entschieden. Ich hatte also nichts zu verlieren! Da bekam Herr Huber mein klares Ja.

Ich hatte den dummen Einfall, am Abend im Schlafraum triumphierend zu verkünden, dass ich bald abhauen würde, an eine Musikschule, wo alles besser war als hier. “Sängerknabe!” schallte es dann gleich. Den Ausdruck benutzten die Jungs als Schimpfwort gegen mich. “Lügner!” “Aufschneider!” “Eingebildetes Miststück!” Ehe ich mich versah, wurde ich umgeschmissen, und die Schläge kamen. Ich wurde verprügelt wie selten zuvor. Ich stellte mich tot und gab keinen Mucks von mir. Das war erfahrungsgemäß die beste Ueberlebensmaßnahme in solchen Fällen. Aber ich sagte nichts mehr von meiner möglichen Umschulung, selbst dann, als jemand mich direkt fragte.

Es ging schnell! Schon am Donnerstag kam mein Schnuppertag. Ich sollte morgens um acht dort aufkreuzen. Herr Huber holte mich kurz nach sieben ab. Also kriegte ich kein Frühstück. Wir knatterten aus Freiberg raus, eine halbe Stunde über Berg und Tal, dann waren wir da!

Es war ein altes großes Landhaus, unweit von einem kleinen Dorf, dass kaum mehr als fünf Häuser zählte. Da wohl unsere Ankunft nicht zu überhören war, kam auch gleich das Empfangskommittee heraus: Sieben Jungen, die ungefähr in meinem Alter sein mussten, allen voran ein strohblonder, sommersprossiger Bengel mit kantigem Gesicht. Einige fingen gleich an, über unser Gefährt zu fachsimpeln, und Herrn Huber zu fragen, wieviele PS es denn hätte. Der Blonde aber streckte mir seine Hand entgegen. “Ich bin der Hannes, von Beruf Klassensprecher, und du bist doch der Michael?” Er grinste mich an. Etwas zögernd ergriff ich seine Hand. Er drückte herzhaft zu. “Willkommen in unserem Saftladen, brauchst keine Angst zu haben, hier beißt keiner!”

Herr Huber verabschiedete sich daselbst, versprach gegen sechs Uhr wiederzukommen, und knatterte davon. Hannes uns seine Bande zogen mich hinein in das Haus. Drinnen duftete es derart nach heißer Schokolade und Brötchen und wer weiß was noch alles, dass ich schwache Beine bekam. Sie zogen mich rennend einen Gang entlang, ich kam kaum so schnell mit. Da kamen wir an einer Tür vorbei, aus der dieser Duft kam. Hannes merkte etwas, und blieb schlagartig stehen.

“Du hast doch gefrühstückt?” Auf meine ganz schwach verneinende Antwort, machte er kehrt, und zog mich in diesen Raum. Es war der Speisesaal. “Etwas gibt es wohl noch!” meinte er. Wir gingen ans Ende des Raumes, wo es einen Anschluss an eine Küche gab. Der Hannes rief da hinein: “Mutter Ramin, wir haben hier einen Neuen, der so hungrig ist, dass er nicht mal sprechen kann! Gibt’s irgendwas für ihn?”

“Ich kann noch sprechen”, berichtigte ich ihn, “aber es ist alles ein bisschen viel auf einmal!”

Hannes grinste mich an. “Das gibt sich!” meinte er.

Ich bekam ein Tablett mit einer dampfenden Tasse Kakao, zwei knusprigen Brötchen, Himbeermarmelade, Käse, und einem Apfel. Ich konnte es kaum glauben! Im Internat gab es nur ganz dünne Milch, ein kleines hartes trockenes Brötchen, und fast nie etwas dazu. Hannes sagte, ich müsse schnell machen, denn der Unterricht ginge gleich los. Ich machte aber sowieso schnell!

Dann rannten wir in den Klassenraum, oben im zweiten Stock. Drinnen waren schon die anderen sechs Jungen des Begrüßungskommandos, sonst niemand. Wir gingen ans Vorstellen, Namensagen, und so weiter. Einer, Joachim genannt, meinte noch “tolles Motorrad!”, aber da kam schon der Lehrer.

Wir waren tatsächlich nur acht Schüler in der Klasse, mich mit inbegriffen. Das sorgte für einen sehr lebhaften und interaktiven Unterricht, in dem keiner einschlafen konnte! Der Lehrer, ein Herr Schmidt, stellte sich kurz vor, und er wusste schon, wer ich war und warum ich hier war. Von da an war ich einfach einer mehr in der Gruppe. Er nahm mich genauso dran wie alle anderen, und es fiel mir nicht schwer, zu folgen. Der Stoff (es war Mathematik) war ungefähr auf dem gleichen Niveau wie in meinem alten Internat. Aber der Lehrer verwendete eigentlich nur die halbe Unterrichtszeit für den Stoff. Der Rest der Zeit wurde verwendet, um Textaufgaben zu lösen, und viele von denen bezogen sich auf Musik! So etwa in dem Stil: “Johann schreibt ein Stück im Zweivierteltakt. In den ersten zwölf Takten hat er schon acht Viertelnoten, siebzehn Achtelnoten und dann noch drei Achtelnoten mit Punkt verwendet. Wieviele Noten von welcher Länge fehlen noch?”

Was das wohl für ein Rhythmus war? Ich klopfte leise auf die Tischplatte, was ich mir darunter vorstellte. Hannes lachte leise, und klopfte seine Version davon. Andere Jungs folgten, und bald war ein Klopfkonzert entstanden, das den Mathelehrer zum Lachen brachte. Er stand dann feierlich auf, unsere Klopferei stoppte, und dann klopfte er höchstpersönlich an der Wandtafel einen Rhythmus, der auch die beschriebenen Noten enthielt, aber viel raffinierter klang. Dieser Rhythmus endete in der Luft, es fehlte etwas! Ich meldete mich, wurde drangenommen. Statt etwas zu sagen, klopfte ich auf meinen Tisch, was fehlte, um die Takte abzuschließen . “Richtig!”, sagte der Lehrer!

Das war der Matheunterricht in meiner neuen Schule! Angewandte Bruchrechnung. Es machte Spaß!

So ging es weiter bis zur Mittagszeit. Deutsch, Geschichte, Naturkunde, immer irgendwie in Verbindung mit Musik. In der Pause fragte ich Hannes, ob das immer so sei, oder nur heute, sozusagen als Zirkus. “Wieso?” fragte er zurück. Dieser Unterrichtsstil galt für ihn als normal!

Zu Mittag gab es wunderbar zu essen! Falscher Hase mit Rotkohl, wohlschmeckend und reichlich, Rote Grütze mit Vanillesauce zum Nachtisch! Solche Sachen hatte ich zum letztenmal bei meiner Oma gegessen, vor viel zu vielen Jahren. Die Liebe geht durch den Magen, sagt man doch? Ich habe mich spätestens bei der Roten Grütze total in Mutter Ramin verliebt!

Beim Mittagessen bekam ich Gelegenheit, die gesamte Bevölkerung dieser so ungewöhnlichen Schule zu studieren. Die kleinsten Schüler waren wohl ein oder zwei Jahre jünger als ich, die größten waren gut zwei Meter lang, sahen aber trotzdem aus wie Kinder, und sprachen auch in hohen Kinderstimmen. Etliche von ihnen sprachen mich an, hießen mich willkommen, und so weiter. Es war für mich fast unglaublich, von diesen Schülern so nett behandelt zu werden! Keiner ließ irgendwelche Anzeichen erkennen, dass er mich gerne verhauen würde.

Die Lehrer, es waren neun, aßen auch im selben Raum. Es war sehr demokratisch, vielleicht schon ein Zeichen der neuen Ordnung in der jungen DDR. In meinem alten Internat war es nicht so, da wurden wir in Schichten abgefertigt, und die Lehrer aßen woanders, feiner, ruhiger, besser.

Während dem Essen wurde ich ausgefragt, nach meinem Leben, meiner alten Schule, meiner Musik. Vor allem, ob ich schon mal Konzerte gesungen hätte. Ich versuchte, so ehrlich wie möglich Auskunft zu geben. Also erzählte ich auch von meinem Mangel an Freunden dort, und von den Prügelangriffen, die ich immer wieder durchzustehen hatte. “Das kenne ich,” sagte da einer von ihnen, der Klaus. “Ich wurde auch immer verhauen, nur weil ich singen konnte!” Klaus kam aus Jena, und was er aus seiner alten Schule berichtete, ähnelte meinen Erfahrungen auf erschreckende Weise.

Hannes schüttelte seinen blonden Schopf. “DAS passiert hier nicht. Das können wir dir garantieren, Michael!”

Ich hätte ihn umarmen wollen, traute mich aber nicht. Mir steckte ein Kloß im Hals.

Nach dem Mittagessen war erstmal offiziell Ruhepause bis drei Uhr, die Hannes dazu verwendete, mir rennend das ganze Haus und das Gelände zu zeigen. Er mochte überhaupt nicht langsam gehen, er rannte immer! Nun, ich hatte eine Menge Uebung im Rennen, da ich ja in meiner alten Schule, wann immer ich konnte, vor den Prügelangriffen ausriss. Trotzdem brachte mich Hannes manchmal dazu, die Puste zu verlieren! Er zeigte mir die Turnhalle, den Konzertsaal samt Instrumentenzimmer, und einiges mehr. Man glaubt kaum, wieviel Räume so ein Landhaus haben kann, das von draußen gar nicht so riesig aussieht! Draußen musste ich dann mit ihm gleich auf drei Bäume klettern, was offenbar eine Mutprobe war. Ich hielt eisern durch, aber er kletterte doch viel besser als ich. Am Ende der Tour, kurz vor drei, landeten wir in dem Schlafzimmer, das Hannes mit Klaus und Axel, einem anderen Jungen unserer Klasse, teilte. Die Jungs in diesem Internat schliefen nicht in riesigen Sammelschlafräumen wie in meiner alten Schule, sondern in normalen Schlafzimmern, drei bis vier Jungs pro Zimmer. Und das Tollste: Jedes Zimmer hatte ein voll eingerichtetes Bad. Das große Haus war erst vor zwei Jahren entsprechend umgebaut worden, erzählte Hannes.

“Hier würdest du schlafen, wenn du bei uns bleibst”, sagte Hannes, und zeigte auf einen freien Platz neben seinem Bett. “Dein Bett klauen wir uns aus Zimmer 7, da haben die eins übrig!” lachte er. Ich stellte es mir vor, da zu liegen, neben mir den Hannes, den ich in diesen wenigen Stunden schon zum ersten besten Freund meines Lebens gekürt hatte, und etwas weiter dort Klaus und Axel, beides auch prächtige Kerle. Und ich wünschte mir, es würde alles klappen!

Um drei war Chorprobe. Die Hälfte aller Schüler der Schule, so etwa Klassen sechs bis neun, waren in einem Chor zusammengefasst. Es ging recht hart her. Herr Erb, der Chordirektor, war ein sehr direkter Mensch, und wenn ein Junge danebensang, wies er ihn scharf zurecht. Aber wenn es dann beim nächsten Versuch besser klappte, lobte Herr Erb das auch, also war es für mich in Ordnung. Mich selbst verschonte Herr Erb übrigens. Ich kannte ja keines der Werke, die da gesungen wurden, und versuchte nur, mich stumm in der Partitur zurechtzufinden. Wenn ich dann mal verstand, wo wir waren, sang ich leise mit.

Gegen Ende der Chorstunde wurde ein Werk geprobt, in dem es drei Sopran- und zwei Altstimmen gab, in den Höhenlagen sehr stark gestaffelt. Der Sopran I ging bis ins hohe D hinauf, während der Alt II runter ging bis ins tiefe G. Und dabei war die Musik so logisch gebaut und singbar, dass ich mich erst mal im Alt II versuchte, und hinterher im Sopran I! Da winkte Herr Erb plötzlich ab, und fragte: “Michael, welche ist nun eigentlich deine Stimmlage? Du musst dich wohl entscheiden!”

Alle lachten. Aber ich wusste wirklich nicht, wie ich mich entscheiden sollte! Mir gefielen eigentlich alle fünf Stimmen in dem Werk gleich gut. Ich musste dann allein die letzten paar Takte vortragen, und zwar fünfmal, einmal in jeder der fünf Stimmen. Danach machte mir Hannes ordentlich Reklame: “DAS kann nicht jeder!” Herr Erb aber meinte: “Bleib vorerst einfach mal im Sopran I, denn deine Brillanz in den hohen Lagen haben nur wenige. Aber sei bloß nicht zu stolz drauf!” Doch er lächelte dabei. Daraufhin war ich dann doch stolz, zumindest ein kleines bisschen… wer wird mir das verdenken?

Nach der Chorprobe war dann Instrumentenunterricht. Für mich war das eine große Frage, denn ich spielte ja gar keines, und musste erst mal entscheiden, mit welchem Instrument ich mich versuchen wollte. Frau Erb, die Gattin des Chordirektors, selbst Klavierlehrerin, nahm mich erst mal ins Instrumentenlager mit, damit ich da in alle möglichen Rohre reinpusten und an vielen verschiedenen Saiten zupfen und kratzen sollte, um zu probieren, ob mir etwas davon besonders zusagt. Aber ich fing gerade an mit dem Versuch, einen Ton aus einer arg verbeulten Trompete zu kriegen, als Hannes angerannt kam. “Wichtige Botschaft,” verkündete er. “Der Neue soll zum Alten kommen!” Er grinste ob seines gelungenen Wortspiels.

“Mehr Respekt bitte, Hannes!” schalt Frau Erb. “Aber begleite doch bitte Michael rauf zum Chef.”

Also rannten wir los, die Treppe rauf. “Du sollst zum Chef. Das ist der Mann, der das Ganze hier erfunden hat und auch bezahlt! Wir haben keine Ahnung, wie er heißt. Er tut sehr geheim, aber er ist ein ganz netter Mann. Rede ihn mit ‘Herr Professor” an, das mag er. Und hab ja keine Angst vor ihm! Er mag Jungs, wirklich, und versteht uns! Du kannst völlig ehrlich zu ihm sein, und ihm alles sagen, was du willst. Er wird dir nie was krumm nehmen, wenn du es ehrlich gemeint hast. Er ist richtig klasse!”

Oben angekommen, führte mich Hannes im Laufschritt zu einer Tür, wo er anklopfte. Es stand nichts dran, kein Namensschild oder so. Auf das “Herein!” öffnete er die Tür und zog mich rein. Drinnen stand ein Klavier, daneben ein ganz altmodischer Schreibtisch, der nicht nur den letzten Krieg überdauert hatte, sondern auch mindestens die drei oder vier Kriege davor. Und an dem Schreibtisch saß ein alter, weißhariger Mann, wohlbeleibt und mit einem langen weißen Bart. Der Weihnachtsmann, musste ich unwillkürlich denken – nur fehlte ihm der rote Mantel! Ich versuchte mir das Grinsen zu verkneifen. Hannes aber sagte ganz ernst: “Herr Professor, ich händige ihnen hiermit den Angeklagten zu seiner Be- und Aburteilung aus!”

“Du Frechdachs,” lachte der Mann, mach, dass du fortkommst, und komm so in einer halben Stunde wieder, ja?”

“Geht in Ordnung!” rief Hannes, und rannte davon.

Da stand ich nun, doch etwas bange, und starrte auf den hohen und geheimnisvollen Herrn, der jetzt über meinen künftigen Lebenslauf entscheiden konnte. Und er musterte mich von Kopf bis Fuß. “Nimm doch Platz, Michael” forderte er mich auf. Ich setzte mich auf den Sessel, der da stand, und verschwand fast darin.

“Herr Huber hat mir schon viel Gutes von dir erzählt,” fing er an, “und auch über deinen Kummer im Freiberger Gymnasium. Und gerade eben sagte mir Herr Erb, dass du in der Chorstunde ein Kunststück vollbracht hast. Sag mal, Michael, was bist du für ein komischer Vogel? So einen fängt man nicht oft!”

Ich kapierte gar nicht, was er meinte, und fing an, ihm von meinen Spielereien mit den Vögeln auf dem Schulhof zu erzählen. Bin zwar kein Vogel, kann aber mit denen zwitschern, so in dem Stil. Der Professor hörte wohlwollend zu. Er stellte kleine Fragen, die mich dazu brachten, freier zu schwatzen. Bald hatte ich ihm weitgehend meinen bisherigen Lebenslauf erzählt. Es war ja nicht allzu viel zu erzählen.

Dann sagte er, so ganz aus heiterem Himmel: “So, und nun sing mir doch mal was vor.”

“Was denn?” fragte ich. Und nannte ihm ein paar Lieder, die ich kannte, und die mir geeignet vorkamen, meine Stimme vorzuführen. Aber er winkte ab. “Sing doch einfach ‘Alle meine Entchen’, das kennst du doch sicher!”

Ich kam mir gelackmeiert vor. ‘Alle meine Entchen’? Das olle Babylied? Das ist doch weit unter meiner Ehre! Der Professor merkte natürlich meine Abscheu davor. “Michael”, sagte er, “ein guter Sänger muss auch aus dem langweiligsten Musikstück etwas großartiges herausholen können. Versuch es mal. Fang einfach an, sing es, und dann mach weiter, erfinde was dazu, schmücke es aus! Mach etwas aus dem Kinderliedchen! Mach es dein eigen, fühle es! So, jetzt los!”

Also sang ich ‘Alle meine Entchen’. Erst mal normal, langweilig. Dann änderte ich die Tonart, nach Moll, und sang es entsprechend traurig. Dann zurück nach Dur, und schmückte es aus. Vier, fünf Noten auf jeder Silbe. Ziemlich verrückt, aber es machte Spaß! Dann ließ ich meine Stimme zwischen den Oktaven herumhüpfen. Dann machte ich mehrere Entchen, einige ganz kleine, mit ganz hohen dünnen Stimmchen, und andere mit normaleren Stimmen. Und dann die Entenmutter, etwas albern, und den Entenvater, mit dem tiefsten Brummbaß, den ich herausbringen konnte. Kurzum, die Enten tanzten da auf dem Schreibtisch herum, bis der Professor genug hatte von meinem Geschnatter. Er lachte herzlich und meinte, dass es eben doch geht, wenn man will! Dann wurde er wieder ernst und sagte: “Michael, ist dir eigentlich bewußt, was du in deiner Stimme hast?”

Ich wusste inzwischen ja, dass meine Stimme gut ist. Aber sonst? Der Professor aber machte mir klar, dass meine Stimme auf viele Menschen eine ganz starke Wirkung hatte, und dass mir das die Pflicht auferlegt, sie sinnvoll zu verwenden. Das war ein ganz eigenes Gefühl. Stellte er mich etwa so hin, wie ich den Peter Schreier empfunden hatte? Das wäre doch wirklich übertrieben! An den reicht keiner heran! Der hat Besseres zu tun, als Entchen herumtanzen zu lassen!

Es folgten einige ganz trockene musiktheoretische Fragen, von denen ich nur einige zu beantworten wusste. Ich kam mir dumm vor, aber er meinte, das wäre gut genug für mein Alter, und den Rest würde ich schon noch lernen. Und damit erklärte er mir, dass er mit mir recht zufrieden sei, und mich gerne in seiner Schule aufnehmen würde! Ich wollte ihm schon um den Hals fallen, als er mich gleich fragte: “So, und gefällt es dir eigentlich bei uns? Oder findest du das alles hier viel zu verrückt?”

Da ließ ich mein Herz sprechen! Hannes hatte mir ja gesagt, man könne sich dem Professor anvertrauen. Also tat ich es. Ich versuchte ihm zu vermitteln, was ich den ganzen Tag über gefühlt hatte, umgeben von Jungs, die mich durchaus für voll nehmen, die nett sind, mir versichern dass sie mich nie verhauen würden, und so weiter. Und dann, ich schämte mich allerdings erst es zu sagen, sagte es aber dann doch, war ja da die Sache mit dem wunderbaren Essen! Als der Herr dann lachte, beeilte ich mich ihm zu versichern, dass das Beste allerdings der Hannes war, der so riesig nett war, und dass ich noch nie vorher einen richtigen Freund gehabt hatte. Da wurde der Herr Professor schlagartig wieder ganz still. Ich dachte schon, ich hätte was falsch gemacht. Doch dann sprach er:

“Michael, das Schönste, was man auf Erden haben kann, ist eine richtige Freundschaft. Eine solche, die immer bestehen bleibt, egal was kommt. Der Hannes ist ein prächtiger Junge! Wir haben ihn hier alle sehr gerne. Und er hat mir vorhin gesagt, dass er dich auch sofort gemocht hat. Mit dem kannst du durch dick und dünn gehen! Pflege diese Freundschaft! Hannes kann dir das ganze Leben lang ein treuer Freund sein. Das ist eine Menge wert!”

Ich gelobte, das zu tun.

“So, und jetzt müssen wir die unangenehmeren Sachen besprechen. Also erst mal: Herr Huber hat dir doch bestimmt erklärt, dass alle Schüler hier kastriert werden, um die Stimmen zu entwickeln, um die es in unserem künstlerischen Projekt geht. Nur deshalb haben wir hier die ganze Schule aufgebaut. Also müsstest du dich schriftlich einverstanden erklären, kastriert zu werden. Das ist ein großes Opfer, aber glaube mir, es wird sich lohnen. Es gibt eine leuchtende Zukunft für gute Kastratensänger, und du hast das Zeug dazu, einer der besten zu werden!”

Mir war die Sache peinlich. Ich wollte diesem hohen Herrn nicht so ohne weiteres gestehen, dass ich eine Heidenangst vor der Spritze hatte! Mir wäre es lieber gewesen, ohne viel Reden nur einfach meinen Namen auf ein Formular zu kritzeln, und die Sache damit abzutun. Aber da der Professor darauf bestand, musste ich ihm mündlich versichern, dass mir das alles klar war, und ich einverstanden war.

Dann folgten noch bürokratische Dinge. Meine Aufnahme in der Schule war daran gebunden, dass alle zuständigen Behörden einverstanden waren, und dass der Schularzt mich untersuchte und gesund fand. Ganz normale Sachen. Auch die Hausordnung musste ich lesen, und unterschreiben. Da stand zum Beispiel, dass jedes brutale Verhalten gegenüber anderen Schülern zum sofortigen Rausschmiss führte. Ich hätte diesen Paragraphen küssen mögen!

Ich war noch nicht ganz fertig damit, als Hannes schon wieder kam. Er musste noch ein Weilchen warten, bis ich die Hausordnung unterschrieben hatte, und auch den Vertrag, den mir der Herr Professor zuletzt vorlegte. Da stand drin, dass sich die Schule verpflichtete, mir bis zur Volljährigkeit Wohnung, Verpflegung, Erziehung und so weiter zukommen zu lassen. Mit Möglichkeit auf Erweiterung um noch einige Jahre.

Und es stand auch darin, dass ich mich bereit erklärte, mich kastrieren zu lassen. Mit eisern fester Hand unterschrieb ich das, obwohl mir eine grauenhaft riesige Spritze, mit ganz dicker, krummer, stumpfer und rostiger Nadel, fast zum Greifen echt vor den Augen herumgaukelte.

Dann rief der Professor Hannes herein. “Junge, saus mal los und hole alle deine Klassenkameraden her!” Hannes verschwand wieder. Ganz ernsthaft erklärte mir der Professor, dass jetzt noch das Einverständnis meiner künftigen Klassenkameraden eingeholt werden müsse!

Die ganze Gruppe kam angelaufen. Hannes allen voraus, und Klaus, Axel, Joachim, die beiden Peter (denn wir hatten zwei Peter in der Klasse!), und Otto. Da stand nun die ganze Gruppe, und der Herr Professor fragte sie feierlich, ob sie mich in die Klassengemeinschaft aufnehmen wollten, oder ob jemand etwas dagegen hätte. Hannes sprach zuerst: “Für mich gibt’s da gar keine Frage! Michael kann wunderbar singen, ist riesig nett, und passt bei uns viel besser rein als in seiner alten Schule, wo er gequält wurde. Also ich stimme für seine Aufnahme!”

Einer nach dem anderen stimmten sie zu. Der eine Peter aber, ein recht stiller Junge, fragte erst mal, ob man mir auch klar gesagt hätte, welche die Bedingungen zur Aufnahme sind. Der Professor bestätigte ihm das. Dann stimmte Peter auch zu. Ich war offiziell aufgenommen!

Wir rannten dann alle acht wieder runter zum Unterricht. Ich durfte weiter mit Trompeten, Hörnern und anderem Blech experimentieren, dann führte mich Frau Erb weiter, zu den Streichinstrumenten. Ich kratzte ein wenig auf einer Violine herum. Schrill, unangenehm fand ich ihren Klang, so nah am Ohr. Dann ein Viola, die ich ziemlich nichtssagend fand. Dann weiter zum Violoncello, dass ich schon wegen seiner Größe attraktiv fand. Ich strich mit dem Bogen über seine Saiten, und es klang so wunderbar weich und echt. Ich strich etwas fester, versuchte mit der linken Hand so etwas wie einigermaßen gestimmte Töne hinzubekommen, was eher schlecht als recht gelang. Aber die Klangfarben sagten mir zu! Ich fühlte, dass dieses Instrument eher zu mir passte als alle anderen bisher versuchten. Frau Erb ließ mich noch den Kontrabass versuchen, aber der war mir viel zu unhandlich, und auch zu begrenzt im Ausdruck. Ich versuchte noch mal das Cello. Mit dem würde ich mich anfreunden können!

Da wurde ich jäh herausgerissen, wie aus einem schönen Traum! Man hörte draußen das Geknatter von Herrn Hubers Motorrad. Er kam mich abholen, zurück in das Freiberger Internat, wo mich binnen einer halben Stunde nun wieder das wahre Leben erwartete, gewiss mitsamt einer ganz besonderen Tracht Prügel seitens meiner alten Mitschüler! Mir graute davor. Hannes kam, sich zu verabschieden. Die anderen kamen auch. Alle zusammen gingen wir raus, wo mich Herr Huber in Empfang nahm.

Ja, und dann brach ich zusammen. Mir kamen ganz urplötzlich die Tränen, mir wurde ganz schwach im Magen, und ich hängte mich an Hannes, der mich ganz erschrocken stützte. “Ist dir schlecht?” fragte er mich besorgt. Ich schluchzte nur, ganz und gar unmännlich, dass ich nicht um alles in der Welt wieder nach Freiberg zurück wollte.

Herr Huber stand ganz verdattert da. “Hast du denn die Aufnahmeprüfung nicht bestanden, oder was ist los?”

Hannes erklärte ihm, dass alles klar sei, aber dass es wohl am besten wäre, wenn ich gleich dableiben würde. “Sonst schlagen die dort den Michael womöglich noch tot, bevor die ganze Bürokratie perfekt ist!” ereiferte er sich. Herr Huber sträubte sich dagegen. Es war für ihn bestimmt nicht leicht, ohne mich zurückzukehren, nachdem er mich nur unter Schwierigkeiten aus dem Internat herausholen gekonnt hatte!

Hannes lud nun Herrn Huber ein, reinzukommen, und brachte uns alle zum Chef rauf. Da wurde nun die Lage erörtert. Meine Tränen müssen gewirkt haben, denn zu guter Letzt durfte ich tatsächlich dableiben! Der gute Herr Professor würde durch seine Kontakte im Ministerium alles regeln.

“Aber eines will ich mir ausbedingen,” sagte dann Herr Huber noch. “Nämlich, dass ich ab und zu mal am Sonntag oder so den Michael ausborgen kann, um zuhause mit ihm ein bisschen Musik zu machen, oder auch mal nach Dresden zu einem Konzert zu fahren! Sonst werde ich dich zu sehr vermissen, du Lausebengel!” Man merkte, dass er mit starker seelischer Erregung kämpfte. Und diese Bedingung wurde ihm allerseits gewährt, auch von mir. Ich hatte ihm so viel zu verdanken!

Er tat mir leid, wie er so ganz allein wieder nach Hause rattern musste. Aber ich war riesig glücklich!

Anschließend taten wir mit großem Trara genau das, was Hannes vorgeschlagen hatte: Wir klauten uns das übrige Bett aus Zimmer 7, und schleppten es in unser Zimmer. Mutter Ramin brachte Bettwäsche, Decken, einen Schlafanzug für mich, ein Badetuch, und als sie erfuhr, dass ich ganz und gar ohne Gepäck hier gelandet war, brachte sie mir eine Zahnbürste, etwas Wäsche, und so weiter. Ich bekam ein Stück Schrank zugewiesen, und war somit zum vollen Mitglied von Schlafraum 2 geworden!

Danach war Abendbrot, wieder wunderbar, mit Käse, Schinken und anderen Kostbarkeiten, von denen man in meiner alten Schule nicht mal träumen konnte. Und dann war “Abendzeit”, wie das hier genannt wurde. Manche Jungs zogen sich in ihre Zimmer zurück, andere machten noch ein bisschen Musik, oder spielten in der Turnhalle Tischtennis, und so gegen acht wurde es immer ruhiger. Wir vier gingen auch in unser Zimmer. Es war nun wohl Zeit, zu Bett zu gehen, und ich war mächtig gespannt darauf, wie das hier war! Ob man sich der Reihe nach wusch, ob man die anderen Jungen richtig begucken konnte, was in meinem damaligen Alter ja sozusagen Volkssport ist, oder ob es gar eine Kissenschlacht geben würde. Doch nichts dergleichen geschah. Wir schwatzten noch eine ganze Weile, dann gähnte Axel ganz herzlich, sagte “Puh, bin ich müde,” holte sich seinen Schlafanzug unter dem Kopfkissen heraus, und verschwand damit im Badezimmer. Von dort plätscherte und rauschte es dann eine Weile, und bald kam er wieder raus, fertig verpackt im Schlafanzug. Es gab nichts zu gucken. Er hängte seine Wäsche säuberlich an die Stuhllehne, und stieg in sein Bett. Dann ging Klaus sich waschen, nach gleicher Methode. Als er wieder rauskam, sagte Hannes: “So, Michael, jetzt bist du dran. Richtig duschen, das ist hier Pflicht, jeden Abend.”

Also machte ich es wie die anderen, zog mich im Badezimmer aus, so privat wie schon lange nicht mehr, kletterte in die Dusche, die schön warm war, putzte mir auch die Zähne, zog mir den mollig weichen und nagelneuen Schlafanzug an, und ging zu Bett. Eigentlich wollte ich noch warten mit dem Einschlafen, bis Hannes fertig war, aber das schaffte ich nicht mehr. Ich war gleich weg, nach den vielen Ereignissen an dem Tag!

In den nächsten Tagen lebte ich mich richtig ein in meiner neuen Schule. Ich lernte nach und nach alle Lehrer und auch alle anderen Schüler kennen. Die Aeltesten waren lustig. Einige von ihnen waren ganz lang und dünn, andere eher klein und dicklich. Diese nicht so gut aussehenden waren aber die besten Sänger! Und alle sangen sie entweder Sopran oder Alt, was für mich sehr ungewohnt war, da in meiner alten Schule fast alle, die auch nur etwas älter waren als ich, schon tiefere und oftmals kratzige Stimmen hatten. Aber das war halt der Witz dieser Schule, die besonderen Stimmen.

Herr Huber kam noch mal angeknattert, und brachte meine wenigen Habseligkeiten: Bücher, ein Fotoalbum, Wäsche, sogar meinen Teddy, den ich noch aus meinen Kleinkindjahren aus Dresden gerettet hatte, und den ich in meiner alten Schule sehr sorgfältig verstecken musste, um nicht die ganze Zeit verspottet zu werden. Ich erschrak, als das Wollviech vor meinen neuen Freunden zum Vorschein kam, aber Klaus rettete sofort die Situation, indem er es in den Arm nahm, grinste und meinte: “Ist der aber niedlich!”

Im Unterricht hatte ich keine großen Schwierigkeiten. Ich war ja gottseidank nicht dumm. An musikalischen Kenntnissen hatte ich aber doch eine Menge aufzuholen, trotz Herrn Hubers sonntäglichen Privatstunden.

Schon am nächsten Mittwoch kam die gute Nachricht, dass der Papierkrieg in Ordnung ging und mein Schulwechsel genehmigt worden war. Es fehlte jetzt nur noch die ärztliche Untersuchung, und wenn ich die bestanden hatte, würde meinem Glück nichts mehr im Wege stehen!

Es war am Freitag, gegen drei Uhr nachmittags, als ich aus der Chorstunde geholt wurde. Der Arzt war da, ich sollte in die Krankenstube gehen, zur Untersuchung. Ich wusste inzwischen, wo die war, also wanderte ich allein hin, mit bangen Gefühlen. Was würde nun sein, wenn der Arzt irgendetwas an mir entdeckte, was nicht in Ordnung war? Wenn ich jetzt doch noch wieder zurück nach Freiberg musste, dann… ja, was dann? Lieber nicht mal dran denken!

Auch musste ich an diese verdammte Spritze denken, die mich irgendwann erwartete. Wohl nicht heute, dachte ich, aber irgendwann mal doch. Wenn der Tag kam, an dem ich diese Spritze kriegen sollte, würde ich dann den Mut haben, so wie jetzt zur Krankenstube zu wandern? Oder würde mich Hannes hinschleppen müssen?

Ich kam an, klopfte an, und wurde hereingerufen. Es war das erste Mal, dass ich hier drinnen war. Da stand ein Bett, eine mit Papier bespannte Liege, ein Nachttisch am Bett, ein Tischchen neben der Liege, zwei Stühle, und sonst eigentlich nicht viel. Eine Tür führte bestimmt in ein Bad. Und auf einem der Stühle saß ein junger Mann in weißem Kittel, der Arzt.

“Du bist Michael, nicht wahr?” grüßte er mich. Dann fragte er mich aus, nach Alter, Blutgruppe, vorigen Krankheiten, ob ich sonstige Wehwehchen hatte, und auch recht beschämende Sachen, zum Beispiel, wie oft ich aufs Klo ging! Ich gab Auskunft, so gut ich konnte. Zum Beispiel gab ich ihm mein Alter mit 11 Jahren, 11 Monaten, leider aber 13 Tagen an. Zwei Tage vorher wäre es hübscher gewesen! Ich mochte nun mal Einsen. Aber welche Kinderkrankheiten ich schon gehabt hatte, wußte ich gar nicht so genau, und meine Blutgruppe schon mal gar nicht. Ich wurde gemessen, gewogen, und dann sagte der Arzt: “Gib mir mal deine Hand”. Er hielt sie fest, strich mit einem feuchten Wattebausch über meine Finger, und dann piekste er mir blitzschnell mit einer winzigen Nadel in den Finger. “Au!” schrie ich, und er hielt meine Hand fest, die ich versuchte zurückzuziehen. Ein Bluttropfen bildete sich auf meiner durchlochten Fingerkuppe.

“Schon vorbei, keine Sorge,” sagte der Arzt, und grinste mich an. “Das war leider nötig, um deine Blutgruppe festzustellen.” Er bog meinen Finger um und strich den dicken roten Tropfen auf ein Stückchen Glas. Dann drückte er mir einen Wattebausch an den Finger. “Da, halt das ein Weilchen fest.” Er hantierte nun mit dem Glasplättchen, träufelte Flüssigkeiten aus Fläschchen drauf. Wenn der Mann Alchemist wäre, dann müsste mein Blut jetzt wohl zu purem Gold werden, dachte ich. Bei der Menge Hokuspokus!

Nun musste ich mir Hemd und Hose ausziehen und mich auf die Liege setzen. Der Arzt horchte mich ab, ich musste husten, tief atmen, Atem anhalten, eben das, was bei solchen Untersuchungen immer passiert. Er schlug auch mit einem Hämmerchen auf meine Knie, und es war lustig, wie dann die Beine ganz von alleine hochsprangen. “Alles in bester Ordnung,” sagte er. Da fühlte ich mich auch gleich besser! Es wäre doch zu schlimm, hier durchzufallen!

“So, jetzt zieh dir mal die Unterhose aus, und leg dich flach.” Das war etwas unerwartet, da gucken die meisten Aerzte seltener hin! Aber ich hatte wohl keine Wahl. Ich tat, wie mir geheißen, und lag dann splitternackt auf dem kühlen Papier.

“Spreiz mal die Beine ein bisschen.” Also durfte ich nicht mal meine Eier zwischen den Beinen verstecken! Nun lag ich so da, dass er wirklich alles genau sehen konnte. Das war ihm aber nicht gut genug. Der Arzt fasste mir dann an die Eier, und tastete daran herum. Es kitzelte so, dass ich Mühe hatte, still zu bleiben. Noch nie hatte ein Arzt so was mit mir angestellt! Und dann fasste er noch an meinen Schwanz, und schob und zog daran herum, bis es weh tat und ich ihm das auch sagte. Da ließ er ab.

“Du bist reicht weit entwickelt für dein Alter”, meinte der Arzt. Ich fasste das als ein Kompliment auf. Er setzte sich an den Tisch und füllte Formulare aus, während ich immer noch splitternackt da lag.

“Du hast doch das Einverständnis zu deiner Kastration schon unterschrieben, nicht wahr?” fragte er mich plötzlich. Wie ein Blitz fuhr mir das in die Glieder. Jetzt kriege ich doch heute noch diese verfluchte Spritze, war mir sofort klar. Stammelnd bestätigte ich ihm, was er offenbar schon wusste.

“Nun, du brauchst ja keine Angst davor zu haben, das wird gar nicht so schlimm wie du denkst,” versuchte er mich aufzumuntern. Er holte aus seiner Arzttasche, die offenbar unergründlich war, ein Kästchen heraus und stellte es auf den Tisch. Dazu noch zwei Fläschchen, einen Packen sauber verpackte Watte, und noch ein Kästchen. Dann guckte ich lieber weg. Es war wohl besser, wenn ich die Spritze nicht sah…

War wohl was zu machen? Ich fing ganz zaghaft an: “Herr Doktor, es ist halt so, dass ich Spritzen gar nicht mag!” Dann erzählte ich ihm von meinen Erfahrungen damals mit den drei Spritzen in den Po, die noch tagelang gemein wehgetan hatten.

“Die Spritze jetzt muss leider sein, Michael,” sagte er, “aber mach dir keine Sorgen, die ist intravenös. Die tut gar nicht weh. Die anderen, die du da gekriegt hast, waren intramuskular, und die sind manchmal wirklich schmerzhaft. Da kann ich gut verstehen, dass du Angst hast.”

Ich fand es so lieb von ihm, dass er mir Mut machte, aber eine Heidenangst hatte ich trotzdem. Wo würde ich diese Spritze reinkriegen? Ich lag schließlich immer noch splitternackt auf dem Rücken. Doch nicht etwa… Ich musste fast lachen, als ich mir das vorstellte!

Doch da fasste mich der Arzt am Arm, und wischte wieder mit einer feuchten Watte daran herum. Aha. In den Arm also. Und dann machte ich den Fehler, zu ihm hinzuschauen, gerade rechtzeitig, um ein gräßliches Riesending von einer Spritze zu sehen, mit einer ganz dicken Nadel dran, fast so wie die aus dem Traum neulich, nur dass der Rost an der Nadel fehlte! Mein Herz fing an zu pochen wie verrückt, es lief mir heiß und kalt über den Rücken, und ich fühlte mich plötzlich ganz schlaff!

“Na, wirst mir doch nicht jetzt schlappmachen, Michael,” sagte der Arzt. “Guck mal, das ist doch gar nicht schlimm.” Und in dem Moment stach er mir das Ding in den Arm. Der Stich tat scharf weh, aber nur einen Moment. Ich spürte gar nicht, wie er mir all den Saft in den Arm spritzte, und auch kaum, wie er die Nadel dann herauszog.

“Siehst du, schon überstanden!” sagte er.

Und das ist dann auch das letzte, was ich noch in Errinerung habe. Hinterher sagte man mir, dass der Arzt sich noch minutenlang mit mir unterhalten habe, aber davon ist mir ganz und gar nichts im Gedächtnis geblieben! Wer weiß, was für Quatsch ich ihm da noch gesagt habe…

Als ich wieder zu mir kam, lag ich im Bett in demselben Raum, und wusste erst mal gar nicht, wo ich war, und noch weniger, warum ich da lag. Erst langsam kam mir wieder die Errinerung. Und zusammen mit ihr kam ein Bauchweh, das immer schlimmer wurde, je mehr ich aufwachte. Vom Arzt und seiner Tasche und seinen Kästchen war keine Spur mehr zu sehen. Weg, wie ein Traum, wenn man mittendrin aufgewacht ist. Da lag ich nun, ganz matt und müde, verstand gar nicht, was passiert war, und wusste nur, dass ich Bauchweh hatte.

Da ging die Tür einen Spalt auf, und gleich wieder zu. “Er ist wach!” hörte ich einen Jungen draußen rufen. Dann schnelle Schritte, Stille. Waren die vor mir ausgerissen?

Doch dann kamen wieder Schritte, rennende Schritte, ein Rhythmus, den ich kannte. So rannte nur Hannes! Und da ging auch schon die Tür auf, und mein bester Freund kam herein. “Auferstanden vom Reiche der Toten?” fragte er mich.

Ich war so matt, dass ich noch kaum reden konnte. “Was ist denn passiert?”, lallte ich, aber irgendwie verstand es Hannes doch. “Mensch, du bist noch total benommen! Bleib nur ruhig liegen, bald wachst du richtig auf. Der Doktor hat dich gleich kastriert! Was gemacht ist, ist gemacht! Jetzt gehörst du erst richtig zu uns!”

Natürlich. Die Spritze! Ich hatte die Kastrierspritze gekriegt. Langsam wurde mein Kopf klarer.

Hannes redete auf mich ein, alles mögliche, ich kann gar nicht mehr errinern, was er mir alles sagte. Irgendwann konnte ich selbst auch wieder besser sprechen, und da sagte ich ihm, dass ich furchtbares Bauchweh hätte, und ob man vielleicht etwas dagegen machen könnte.

“Ah, das ist ganz normal, da staut sich das Blut in den zugenähten Adern. Das tut so einen Tag lang weh, dann hört es auf.”

Zugenähte Adern? Wieso denn das? Ich verstand gar nichts mehr. Und fragte ganz dumm den Hannes.

“Natürlich doch! Wenn der Doktor dir die Eier abschneidet, muss er die Adern vernähen, sonst würdest du bluten wie ein frisch geschlachtetes Ferkel!”

Ich bekam einen fürchterlichen Schreck. Eier abschneiden? Ohne auf Hannes zu achten, hob ich die Bettdecke hoch, und sah an mir runter. Zwischen meinen Beinen, direkt unterhalb vom Schwanz, war etwas Weißes. Ich fühlte dran, es war Mull, mit Klebestreifen an mir angeklebt. Ich tastete daran. Es tat weh, wenn ich es bewegte, aber anders, als Eier wehtun. Es war wie eine Wunde.

Und von meinen Eiern ertastete ich keine Spur.

Hannes saß mit offenem Mund da. “Was ist denn?” fragte er.

Mir kamen die Tränen. “Hat der mir denn wirklich die Eier abgeschnitten?” drückte ich schließlich ganz dumm heraus. Es war ja eigentlich schon klar, aber ich wollte es nicht wahrhaben.

“Ja, natürlich! Du hast doch sogar unterschrieben, dass du damit einverstanden bist!”

Das hatte ich doch nicht, niemals!!! “Ich habe unterschrieben, dass ich mich kastrieren lasse, aber doch nicht, dass die mir die Eier abschneiden können!” rief ich. Und im selben Moment ging mir eine Bogenlampe auf! Natürlich! Und ich kam mir plötzlich so fürchterlich, entsetzlich dumm vor! Ich hätte mich am liebsten in Luft ausgelöst, oder wäre in den Erdboden versunken! So dumm, und noch dazu vor meinem besten Freund!

Aber Hannes war so ein prächtiger Mensch. Er nahm es gar nicht schlimm. Er legte meinen Arm wieder auf die Decke, zog das Bett glatt, dann beugte er sich über mich und fragte ganz leise: “Michael, hat dir wirklich niemand gesagt, worin das Kastrieren besteht?”

Ich musste mich erst mal ausheulen. Hannes hielt nur still meine Hand. Es war wunderbar, ihn da zu haben. Nach einer Weile erst konnte ich ihm sagen, dass mir tatsächlich niemand klargemacht hatte, worum es beim Kastrieren ging. Ich hatte gemeint, zu verstehen, dass es nur um eine Spritze ging. Aber ich fügte auch ehrlicherweise hinzu, dass ich nicht richtig gefragt hatte, ob die Spritze denn auch alles wäre, was da auf mich zukommen würde.

Hannes war böse auf den Chef, auf Herrn Huber, eigentlich auf ganz viele Leute. “Das werde ich dem Chef ganz direkt sagen,” versicherte er. “Er MUSS von jetzt an sicherstellen, dass jeder Neue auch wirklich weiß, worauf er sich einläßt!”

Mir würde das natürlich nicht mehr helfen. Andererseits war es aber vielleicht ganz gut, dass ich nicht gewusst hatte, was das Kastrieren ist. Wenn ich es gewußt hätte, dann hätte ich vielleicht nicht “ja” gesagt, und mir meine Karriere und vielleicht mein ganzes Leben vermasselt. Oder vielleicht hätte ich doch “ja” gesagt?

Das weiß ich bis auf den heutigen Tag nicht.

Jedenfalls war damals, in den Stunden nach der Operation, das Bauchweh schlimmer als alles andere. Hannes drückte auf meinem Bauch herum, was momentweise half, aber nicht lange. Als ich immer schlimmer stöhnte, stand er schließlich auf. “Warte mal ein paar Minuten, ich hole den Eberhard. Der hat Zauberhände! Der hat schon einigen wie dir geholfen!” Und weg war er, aus der Krankenstube gerannt.

Bald kam er wieder, im Schlepptau einen der großen dicken Jungen aus den Oberklassen. Ich kannte ihn noch nicht gut, aber hatte ihn schon singen gehört. Ein wunderbarer Sopran, unwahrscheinlich kräftig und klar. Er ging gleich ans Werk. “Tut es schlimm weh?” fragte er mich erst mal.

“Ja, ganz gemein!” stöhnte ich. Es kam mir jetzt noch schlimmer vor als bis eben.

“Na, dann entschuldige mal,” sagte er, und zog mir die Bettdecke weg. Da lag ich nun, splitternackt, Verband zwischen den Beinen, Schwänzchen in die Höh, und schämte mich in Grund und Boden. Aber Eberhard schien sich nicht weiter um meine Nackt- und Versehrtheit zu kümmern. Er fasste mich mit beiden Händen um die Hüften, und bohrte mir sanft aber bestimmt beide Daumen in den Unterleib.

“Tut es da weh”, fragte er. Ich bejahte. Er hatte genau die empfindlichsten Stellen getroffen. Nun drückte er härter, etwas nach oben hin. Es war ein merkwürdiges Gefühl. Dann ließ er plötzlich los – und der Schmerz war weg! Ich muss sehr verblüfft geguckt haben, denn er schmunzelte.

“Gut, was? Der kann’s!” meinte Hannes, als ob Eberhard sein Eigentum wäre.

Aber bald fing der Schmerz wieder an. Und Eberhard drückte nochmal, ließ wieder los. Es klappte wieder. Es war so ein erleichterndes Gefühl, dass es mich bald ganz schlapp und schläfrig machte. Eberhard und Hannes redeten leise miteinander. Ich verstand fast nichts davon. Ich war irgendwie benommen.

Irgendwann bekam ich noch mit, dass es draußen dunkel war, und dass Eberhard zu Hannes sagte: “So, nun geh endlich zu Bett. Ich bleib hier und mach weiter, so lang wie nötig, dass der arme Bengel schlafen kann.” Ich tat, als ob ich schlief, und Hannes ging. Diesmal rannte er nicht. Und Eberhard massierte sanft meinen Bauch, vertrieb die Schmerzen. Und irgendwann war ich dann auch weg, in tiefem Schlaf.

Ich wachte früh auf am nächsten Morgen, es war noch fast ganz dunkel. Ich musste unbedingt pinkeln, also knipste ich die Nachttischlampe an, und stand ganz vorsichtig auf. Es fiel nichts ab von mir, was mich erst mal beruhigte. Ich ging in das Badezimmer nebenan. Es tat weh zwischen den Beinen, bei jedem Schritt. Ich ging in kurzen Schrittchen, wie beim Ballet. Das Pinkeln dagegen klappte ganz wie immer, trotz dem Verband da unten. Erleichtert legte ich mich wieder ins Bett, froh, dieses Experiment überstanden zu haben.

Der Bauch tat immer noch weh, oder eher schon wieder, denn im Schlaf hatte ich ihn nicht gespürt. Ich massierte ihn mir dann selbst, versuchte Eberhards Kunstgriffe nachzuahmen. Es half, aber er konnte es halt doch besser! Wieder einschlafen konnte ich nicht.

Als es schon hell war, kam Hannes angerannt. Er wollte wissen, ob ich geschlafen hatte, ob mein Bauch noch weh tat, ob die Wunde geblutet hätte, und ob ich Hunger hatte. Das letzte bestätigte ich ihm ganz bestimmt! Er rannte wieder los, und brachte dann ein Tablett, ganz nach Mutter Ramins Patent. Von wegen Krankenkost! Es war sogar ein Stück Apfelkuchen drauf!

Ich frühstückte, während Hannes mir berichtete, dass alle es gemein gefunden hätten, dass mir niemand erklärt hatte, was es mit dem Kastrieren auf sich hat. Jeder dachte, das hätte schon längst jemand anders besorgt! “Tja, so geht es im Leben!” meinte er altklug. Und mir war damit klar, dass inzwischen wirklich jeder in der Schule wusste, dass ich so dumm gewesen war, mich auf die Kastration einzulassen, ohne zu wissen, was das ist! Geheimnisse gab es hier offenbar nicht, zumindest nicht unter den Jungs.

Irgendwann musste er dann aber doch zum Unterricht, und ich war wieder allein. Da erst fiel mir auf, dass ich nach der Operation noch keinen einzigen Erwachsenen zu Gesicht bekommen hatte! Die Jungs übernahmen hier alles!

Das blieb aber nicht so. Im Laufe des Vormittags kam erst mal Mutter Ramin, brachte eine Kanne Saft, machte das Bett um mich herum, und bemutterte mich auch sonst noch ein wenig. Dann kam der Arzt. Das Wiedersehen mit ihm hatte ich besonders gefürchtet. Doch er machte es mir leicht. Schon beim Eintreten sagte er:

“Michael, ich habe eben erfahren, dass du gar nicht wusstest, was eine Kastration ist! Das tut mir riesig leid! Wenn du mir irgendwie zu erkennen gegeben hättest, wie die Sache stand, hätten wir das erstmal geklärt!”

Ja, sicher, aber wie sollte ich denn gewußt haben, dass es da etwas gab, das ich nicht wusste? Das ist doch absurd in sich! Die Angst vor der Spritze hatte eben alle anderen Ueberlegungen unterdrückt!

Dann aber wurde der Arzt wieder praktischer. Er fragte mich nach meinem Befinden, und als ich ihm vom Bauchweh und von Eberhards Zauberhänden erzählte, lächelte der Arzt. “Der kann das besser als ich,” sagte er. “Der sollte Arzt werden, statt Sänger!”

Aber singen konnte Eberhard halt auch!

Ich wurde wieder aufgedeckt, musste die Beine spreizen, bekam den Verband abgezogen, ganz schnell, mit einem Ruck, aber es tat trotzdem weh. “Sieht alles tadellos aus,” lobte der Doktor. Ich hob den Kopf an, um einen Blick zu riskieren, und ließ ihn dann ganz schnell wieder auf das Kopfkissen runterplumpsen. Na, wenn das tadellos war, mit derart blaugrüngelbbraunen, blutverkrusteten, wie Piratenwangen kreuz und quer vernähten Wunden, dann war ich ja gespannt, wie man nach einer nicht ganz tadellosen Kastration aussieht! Ich brauchte eine Weile, um wieder Luft zu kriegen, nach dem Anblick!

Der Arzt puzte die Blutkrusten weg, mit Watte und einem Desinfektionsmittel. Er machte es ganz vorsichtig, und es tat fast gar nicht weh. Im Gegenteil, ich bekam ein ganz eigenartiges und wunderbares Gefühl in der Stirn. Das hatte ich zuvor auch mal bekommen, als mir Oma den Rücken kratzte, und auch einmal beim Haarschneider. Also dann, wenn irgendjemand sich voll um mich kümmerte. Aber das war so selten!

Während ich dieses Gefühl im Kopf genoss, fühlte ich das feuchtkalte Tuch zwischen den Beinen. Ganz eigenartig. Ich werde das wohl nie vergessen.

“Meinst du, dass du noch einen neuen Verband brauchst?” fragte mich der Arzt. “Es heilt nämlich schneller ohne.”

Nun, nachdem ich schon gesehen hatte, wie das Schlachtfeld da unten aussah, war es wohl nicht nötig, eine neue Kulisse anzubringen. Also blieb die Wunde an der Luft. Ich bekam nur etwas Salbe drauf. Sparsamkeit ist eine Tugend.

Als der Arzt gegangen war, fing aber nach und nach das Bauchweh wieder an. Als zum Mittag Hannes kam, mit einem großen Tablett mit Essen für uns Beide, war mir gar nicht nach Essen zumute. Es tat viel zu viel weh, mir war richtig übel, und meine Versuche, die Schmerzen wegzumassieren, halfen immer weniger. Hannes rannte sofort los, holte Eberhard vom Mittagstisch. Der kaute noch, als er kam. Ganz offensichtlich kaute er gerne! Aber er ging sofort ans Werk, und schon bald verschaffte er mir Eleichterung. Dabei kommentierte er: “Schon den Verband ab? Na, das ging ja schnell bei dir!”

Bis ich soweit war, dass ich wieder ans Mittagessen denken konnte, ohne Brechreiz zu kriegen, war dieses aber schon kalt. Trotzdem schmeckte es. Ich aß in ganz kleinen Bissen.

Am Sonntag ging es mir schon so gut, dass ich aufstehen wollte. Ohne ärztliche Erlaubnis aber war mir dies untersagt! Schließlich erreichte Hannes, dass jemand den Arzt anrief und ihn fragte. Der soll gesagt haben, Unkraut verdirbt nicht leicht, also sollte ich ruhig aufstehen, nur mit Radfahren sollte ich noch ein paar Tage warten!

Bei der Vorstellung, in dem Zustand radzufahren, lief es mir kalt über den Rücken. Aber gehen konnte ich, in nicht zu langen Schritten. Hannes musste sich gedulden, ich konnte jetzt nicht mit ihm rennen. Es ging eher wie in einer Mädchenschule: Tipp, tipp, tipp.

Ab Montag nahm ich wieder am Unterricht teil, und schlief auch wieder im Raum 2. Ich dachte, ich würde dort meine Wunden vorführen müssen, aber Klaus und Axel waren sehr diskret und fragten nicht danach. Irgendwie war es offenbar guter Ton im Reiche der Kastraten, kein zu großes Interesse an dem Fehlenden der Mitkastraten an den Tag zu legen. Ich richtete mich danach, obwohl ich ganz gerne mal gesehen hätte, wie etwa Hannes oder einer der anderen da in der Gegend aussahen.

Als dann im Laufe der nächsten Tage die Schwellung zurückging, die Wunden abheilten, die Farben sich normalisierten, der Arzt mir die Fäden zog, und ich auch immer besser laufen konnte, freute ich mich über die neu gefundene Freiheit: Nämlich die, zu rennen, springen, sitzen, bäumeklettern, sich auf den Bauch legen, oder gar die Beine zusammenzuschlagen, ohne das je irgendetwas dazwischenkommt, klemmt und wehtut! Später ist mir dieses Gefühl zur Normalität geworden, aber in den ersten Wochen meines Kastratentums war es ein ganz tolles Gefühl der Freiheit und Leichtigkeit. Natürlich, deshalb rannte Hannes so gerne! Wenn man frisch kastriert wurde, wird einem erst so ganz bewusst, wie blödsinnig es ist, dass die Natur den menschlichen Wesen männlichen Geschlechts etwas derart Empfindliches an einen so ungeeigneten Ort gehängt hat! Ich war ja nicht ganz zwölf Jahre alt zum Zeitpunkt meiner Kastration, also können meine Anhängsel trotz ärztlich festgestellter “recht weiter Entwicklung” noch nicht allzu groß gewesen sein, aber trotzdem waren sie mir schon manches Mal ins Gehege gekommen, beim Rennen, Klettern, oder sogar ganz einfach beim Hinsetzen. Es war so schön, endlich davon frei zu sein! Mir wurde schlagartig klar, warum all die kastrierten Jungs hier immer so nett und ausgeglichen waren: Sie bekamen keine plötzlichen und so ungerechten Schmerzen in den Eiern, wie all die anderen “normalen” Jungen! Zumindest war das damals meine Theorie…

So, nun bleibt eigentlich nur noch Weniges zu sagen. Ich verlebte sechs sehr schöne Jahre in dieser so besonderen Schule. Noch manche andere Jungs wurden in der Zeit aufgenommen, und sie wurden alle zwangsaufgeklärt darüber, was eine Kastration war. Nur wenige ließen sich dadurch davon abhalten, mitzumachen. In dem Alter hängt man nicht so an seinen Eiern! Wenn man geagt bekommt, dass es nicht sehr weh tut, dann reicht das. Ansonsten ist man ja tapfer, und hält einiges aus!

Ich machte mich fein heraus als Sänger, und immer öfter durfte ich in Konzerten singen, erst im Chor, dann sogar als Solist! Doch dann, als ich schon fast mit der Schule fertig war, starb der bejährte und geheimnisumwitterte Herr Professor, und das war das Ende für unsere Schule. Ohne seinen schützenden Einfluss bei all den Behörden flog die ganze Sache schnell auf. Es war ja in höchstem Maße illegal, was da getrieben wurde! Und offenbar war die Geschichte für das Heilige Sowjetische Reich Deutscher Nation derart beschämend, dass all das Geschehene auf die allerintensivste Art und Weise totgeschwiegen wurde. Es fanden ein paar geheime Gerichtsverfahren statt, nach denen leider mehrere der Lehrer als Mitwisser einige Zeit sitzen mussten. Wir ehemaligen Schüler besuchten sie im Knast, so oft das zugelassen wurde. Sie nahmen es alle mit Mannhaftigkeit und sogar mit Humor, und irgendwann kamen sie auch wieder frei. Die Schule wurde verstaatlicht, das gesamte restliche Gut des Herrn Professor auch, aber ihn selbst konnte ja niemand mehr zur Rechenschaft ziehen. Die Schüler, die noch nicht fertig waren, wurden in andere Schulen gebracht, aber siehe da, so mancher durfte seine Ausbildung zum Sänger weitermachen! Die meisten haben nachher allerdings ihre Brötchen nicht durch Gesang verdient, aber einige doch.

Ueber meine eigene weitere Karriere brauche ich wohl nicht viel zu sagen. Sie dürfte ja jedem Liebhaber guter Musik von Konzertprogrammen und Schallplattenbeipackzetteln her besser als mir selbst bekannt sein. Doch die wohlverdiente Berühmtheit von Peter Schreier, der ganz gemäß Herrn Hubers Prophezeiung zur Weltgröße wurde, konnte ich nie für mich beanspruchen. Er ist zeitlebens mein Vorbild geblieben. Es geht halt auch mit!

Nun muss ich aber Schluss machen. Hannes kommt gleich zu Besuch. Wir sehen uns immer noch mindestens einmal die Woche, zu Kaffee, Kuchen und Musik. Er rennt nicht mehr die ganze Zeit, dazu ist er zu alt, aber recht sportlich ist er trotzdem noch, der alte Junge. Ein prächtiger Freund. Der Herr Professor hatte so recht!

Und vor Spritzen fürchte ich mich immer noch.



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