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"Hallo Stefan, der Chef möchte Dich sprechen. Geh' gleich rüber, er wartet.", mein Kollege machte eine wichtige Miene, und ich setzte mich in Bewegung zum Büro des Chefredakteurs.
"Chef, Sie haben mich rufen lassen. Ist noch etwas, Sie wissen, ich fahre morgen in den Urlaub?", "Sie fliegen nach Kairo, hat man mir gesagt!", "Ja, das ist richtig. Möchten Sie etwas mitgebracht haben?", "Wenn Sie schon so fragen, dann ja! Im Moment gibt es im Fernsehen immer wieder Reportagen über Frauenbeschneidungen in Afrika und ich dachte, wenn Sie schon einmal vor Ort sind, dann könnten Sie auch für uns darüber etwas recherchieren. Eine Reise nach da unten ist sonst vom Etat für unsere Redakteure nicht abgedeckt, wir sind ja nur ein Lokalblatt, aber wenn Sie den Bericht schreiben könnten, würde ich Ihnen das mit fünf Tagen zusätzlicher Urlaubszeit vergelten, die sie gleich anhängen können. Wie wär's?. "Ja, warum nicht. Es ist ein interessantes Thema, das im Augenblick viel Resonanz erfährt. Ich werde mich bemühen, dort an die Quellen zu gehen.". "Dann ist ja alles geregelt, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Urlaub und hier sind noch ein paar Unterlagen auf Diskette, die ich selbst zusammengesucht habe, dann können Sie sich heute schon und morgen während des Fluges mit der Thematik vertraut machen, Sie finden auch sehr viel im Internet." Am folgenden Tag saß ich im Flieger und las über meinem Laptop die Berichte der WHO über Klassifizierungen der Frauenbeschneidung, über ihre Verbreitung vor allem in Zentralafrika, in Somalia aber auch in Ägypten, Teilen der Türkei und des Iraks sowie in Indonesien. Über die Google-Suche fand ich schließlich Informationen über die Verbreitung und Vorgeschichte der Beschneidung in westlichen Ländern und ihre Tradition in der römischen und ägyptischen Antike. Ich lernte, dass die Frauenbeschneidung auch in England und sogar bis in die 50er Jahre hinein in den USA Anhänger hatte: Baker war mir noch unbekannt, aber Kellog's kannte ich von seinen Kornflakes her und von einer Filmproduktion über seine Gesundheitsbewegung und sein Sanatorium. Diesen Stoff aufzuarbeiten, nahm ich mir für einen späteren Bericht vor. Im Hotel angekommen, machte ich meine Planung für den nächsten Tag. Wie war hier am besten vorzugehen? Ich entschied mich den Hotelarzt aufzusuchen und ihn auf meine Reportage anzusprechen. Bereits am folgenden Morgen bekam ich um 10 Uhr einen Termin. "Dr. Achmedi, schön, dass Sie Zeit für mich finden. Ich schreibe an einer Reportage über Frauenbeschneidung für das P-Tageblatt, vielleicht können Sie mir da weiterhelfen.", "Ein unangenehmes Thema, über das hier in Ägypten nicht gerne gesprochen wird, und das doch recht heftige Kontroversen hervorruft. Die Mädchenbeschneidung ist hier unten Tradition seit den Zeiten der Pharaonen und umfasst heute alle Glaubensgruppen, ob sie Moslems, Kopten oder Juden nehmen - übrigens auch alle sozialen Schichten von den Armen bis hin zur reichen und auch bildungsmäßigen Oberschicht. Vor einigen Jahren schon wurde das beschneiden der Frauen von der Regierung verboten, aber unsere höchsten Glaubenslehrer halten dagegen, und wie es mit alten Traditionen so ist, man kommt ihnen nicht durch Gesetze sondern allenfalls durch Aufklärung bei. Beschneidungen sind also immer noch an der Tagesordnung, zumeist allerdings nur die Entfernung der Glans, wir nennen es Gishiri, die pharaonische Behandlung, bei der alles ab kommt und zugenäht wird, finden Sie in der Stadt seltener und mehr im ländlichen Raum - vor allem an der Grenze zum Sudan hin.", "Sie kennen sich mit den Hintergründen recht gut aus und soweit bin ich auch schon durch meine Internetrecherchen gekommen, was mich jedoch interessieren würde, ist die Praxis vor Ort. Kann ich einen Beschneider aufsuchen, eventuell bei einer Behandlung dabei sein, und sie fotographieren. Wie denken schließlich die Frauen darüber, was mit ihnen passiert. Sie sehen, ich muß es vor Ort erfahren, der allgemeine Zusammenhang ist mir schon klar.", "Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen einen Kontakt in Kairo vermitteln, ich habe da eine Adresse, die übrigens gelegentlich auch von europäischen Damen nachgefragt wird." Ich wurde neugierig und nahm dankbar mit der Adresse die Fährte auf. Später erst begann ich darüber nachzudenken, warum europäische Frauen die Anschrift benötigen würden. Dr. Achmedi avisierte meinen Besuch bei dem Beschneider telephonisch und ich merkte als Zeuge des Telefonats, dass hier offenbar herzliche Beziehungen bestanden. Kaum eine Stunde später lieferte mich ein Taxi in einem recht gepflegten Vorort der Metropole ab. Eine junge Schwester, so nach dem weißen Kittel zu urteilen, öffnete mir, und ich wurde direkt Dr. Ba vorgeführt, der zu meinem Glück perfekt deutsch sprach, so dass ich mein Schulenglisch nicht weiter bemühen mußte. Ich hatte meine Kamera und auch ein kleines Tonbandgerät für das Interview mitgenommen. "Guten Tag, Dr. Ba, es ist sehr nett von Ihnen, dass Sie mich gleich empfangen konnten. Dr. Achmedi war so freundlich, den Kontakt herzustellen." "Dr. Achmedi ist mein Cousin, und er arbeitet mir auch gelegentlich zu, deshalb ist es mir eine Freude, ihm und damit natürlich Ihnen behilflich sein zu können.", "Das Thema, worum es geht, ist Ihnen ja schon bekannt. Doch vorab zum Procedere, darf ich unser Interview aufzeichnen und auch ein paar Fotos von Ihnen und den Behandlungsräumen, wenn ich diese sehen darf, machen?", "Das geht in Ordnung, ich muß mein Gesicht wegen meiner Tätigkeit hier nicht verbergen. Im Gegenteil, ich habe einen guten Ruf für das, was ich leiste, und stehe dazu. Fotografieren Sie, zeichnen Sie auf, was Sie wollen!... Aber setzen wir uns und lassen Sie uns zusammen einen Tee trinken.". Wir setzten uns zum Tee, ich baute mein kleines Tonband auf und begann mit der Befragung: "Dr. Ba, Sie beschneiden Mädchen die Klitoris. Wie denken Sie darüber, haben die jungen Frauen keinen Anspruch auf Freude an der Sexualität?", "Ich verstehe, was Sie meinen, die Sexualität gehört zu den Freuden im Leben, und einem westlichen Vorstellungskreis folgend, möchte darauf niemand oder - ich sag mal - fast niemand verzichten. Hier geht es jedoch nicht um Freude und Entfaltung im westlichen Sinne. Die jungen Frauen erfüllen ihre Funktion in ihrer Familie, sie sind Mutter, sie pflegen den Haushalt, sie sind auch berufstätig, alles was sie tun, ist jedoch auf ihr familiäres Umfeld bezogen. Ihre Erfüllung ist die Pflicht ihrer Familie gegenüber, die sie leben. Hierzulande sagt man, dass die sexuellen Bedürfnisse einer unbeschnittenen Frau durch einen einzelnen Mann nicht erfüllt werden können, die Frau bleibt unbefriedigt und das führt zu Problemen - konkret im Bereich der Keuschheit und Treue." "Auch in Europa und etwa in Amerika erfüllen Frauen ihre Pflichten, aber sie erfahren auch die Freuden einer unzerstörten Sexualität. Das müssen Sie doch anerkennen!","Ich erkenne nur, das Sie viel höhere Scheidungsraten haben in Ihrem goldenen Westen, das die Familie wenig und die Sippe oder Großfamilie gar keine Geltung mehr hat. Im Einzelfall - bei Ihnen vielleicht, wenn Sie verheiratet sind - mag alles gut gehen, aber die gesellschaftlichen Probleme sind da und die Lösung, die wir praktizieren, mag Ihnen nicht gefallen und für Sie auch nicht passen, hier führt sie zum Erfolg." Ich merkte, dass ich mich in eine blasphemische Logik verstrickte, die überbordende Triebhaftigkeit der Frau, die geistige Reife auch der westlichen Frau ihren Aufgaben hinsichtlich der Familie nachzukommen, das war hier nicht zu diskutieren. Ein Nachhaken hätte in Provokationen geendet. Ich wechselte also den Gesprächsansatz. "Ich will das einmal im Raum stehen lassen. Was mich nun interessiert ist die Praxis der Beschneidung im Land, wieweit gehen Sie, wer lässt sich beschneiden und vielleicht auch noch etwas zur Geschichte der Maßnahmen.". "Nun das sind jeweils weite Themenbereiche. Im Koran wird an einer Stelle Mohammed zitiert, der einen Beschneider trifft und ihm empfiehlt, etwas bei der Frau zurück zu lassen, was der Frau und in der Zusammenkunft auch dem Mann dienen würde. Aus diesem Ansatz hat sich die Gishiri-Beschneidung als Praxis für einen großen Teil der moslemischen Bevölkerung entwickelt. Den Mädchen wird nur die Glans abgeschnitten, so dass der tiefer liegende Teil der Klitoris intakt bleibt. Die Operation ist sehr einfach und hier in Kairo gibt es sogar Straßenbuden etwas abseits von den Zentren, wo die Beschneider Mädchen und auch erwachsenen Frauen die Klitoris mit den Fingern vorziehen und dann mit der Schere am Ansatz abschneiden. Das dauert nur Sekunden, etwas Salbe und ein Tupfer oder Pflaster drauf, und die jungen Schönheiten können ihren Einkaufsbummel fortsetzen. Das Risiko der Infektion ist da jedoch recht groß - in den Buden gibt es nicht einmal Wasser für die Handhygiene - und früher sagte man im einfachen Volk, wenn ein Mädchen daran stirbt, dann war es eine Hexe. Das ist natürlich Unsinn. Wer es sich leisten kann, bringt seine Töchter oder auch seine Frau zu einem Arzt. Früher erledigten auch Kliniken diese Arbeit, und es gab sogar extra Beschneidungstage in den Hospitälern. Das ist jedoch mit den Verboten durch die Regierung hinfällig geworden. Mir als einzeln praktizierender Arzt ist das natürlich recht - da denke ich geschäftlich. Was nun die Art der Beschneidung angeht, neben der erwähnten Abnahme der Glans gibt es da vielfältige Varietäten. Manche Frauen - nur aus der Oberschicht - lassen sich die kleinen Labien abnehmen und die Glans wird unter die Haut gelegt und darüber die Haut vernäht, so dass der Eindruck einer Beschneidung gegeben ist ohne tatsächliche Lusteinbuße. Vielfach und auch das gerade in der Oberschicht wird die Klitoris vollständig entfernt, ebenso die kleinen Schamlippen und alles auf eine gangbare Breite hin vernäht. Bitte verwechseln Sie dies nicht mit der pharaonischen Beschneidung, die nur eine winzige Öffnung lässt und zum Verkehr in der Hochzeitsnacht die Option der erneuten Öffnung hat. Ich selbst ziehe diese Variante vor, denn die teilweise Beschneidung wirft eigene Probleme auf und ist nicht unbedingt von Vorteil für die Frau. Stellen Sie sich als Mann einmal vor, Sie werden immer sexuell stimuliert, aber sie können nicht mehr kommen, so ähnlich verhält es sich mit den teilbeschnittenen Frauen. Sie erfahren die Erregung können aber nicht mehr zum Orgasmus kommen. Meines Erachtens ist die komplette Lösung hier die befriedigendere im Resultat.". "Wer entscheidet denn darüber, wie weit die Beschneidung geht?", "Das ist sehr unterschiedlich, aber sehr oft sind es die Frauen selbst. Wissen Sie, seit den Verboten praktiziere ich und mit mir auch ein Großteil der seriösen Beschneider die Behandlung nur noch an Mädchen die mindestens 16 oder möglichst 18 Jahre alt sind. Sie wissen dann, worauf sie sich einlassen und deshalb liegt die Entscheidung, wieweit sie gehen möchten, auch bei Ihnen. Bringen Mütter ihre minderjährigen Töchter zur Operation, dann erkläre ich ihnen, worum es geht und weshalb ich das bei den Kindern nicht tue - da ist das Verständnis mittlerweile schon gewachsen. Bei notorischen Masturbatorinnen führt dies allerdings dann schon mal zum Besuch der erwähnten Straßenbuden und in Extremfällen helfe ich hier dann trotzdem weiter. Es gilt ja auch, das Gesundheitsrisiko so klein wie möglich zu halten.". "Auf einen Teil meiner Frage von vorhin möchte ich noch zurückkommen. Was wissen Sie über historische Beschneidungsmethoden, haben Sie da Kenntnisse?", "Ja, ich habe mich auch damit befasst. Früher wurden die Mädchen mit Scherben, alltäglichen Messern oder Rasierklingen, kurz mit allem, was gerade zur Hand war, beschnitten. Das erledigten die Familien zum Teil selbst oder es machte auch der Barbier. Die Friseure und Hebammen gehen dem heute noch auf dem Lande als Nebenbeschäftigung nach. Neben dem Messer gibt es aber auch noch andere Möglichkeiten. Denken Sie an Ihren Marquis de Sade, der in seinem Roman - "Die 120 Tage von Sodom" war es glaube ich - Mädchen mit gespreitzten Beinen auf eine keilförmige Käfigkonstruktion schnallen lies, und eine hungrige Ratte ihr Werk verrichten lies. Es hat Versuche gegeben, die Klitoris einfach auszubrennen und so taub zu machen oder das Organ wurde mit Säure bestrichen, um es chemisch aufzulösen. Letztens las ich sogar eine Empfehlung, es mit Warzentinktur zu versuchen. Das klingt alles wie ein Brevier aus der Hölle, aber glauben Sie mir, es wurde und wird auch noch praktiziert. Ich halte das jedoch für sadistische Umtriebe oder um Bereiche - diese Option darf man nicht vergessen - der Selbstbehandlung oder Selbstverstümmelung, wenn Sie so wollen. Extreme finden Sie zudem in Kriegssituationen, hier verlieren sich die Hemmungen des Anstandes, und nicht zu vergessen ist die Genitalfolter, die immer und bei beiden Geschlechtern praktiziert wurde und in nicht wenigen Ländern praktiziert wird. Das alles hat mit der Beschneidung bei uns nichts zu tun. Das Lustzentrum wird zerstört, die Schmerzen sind da, aber die Frauen wissen weshalb sie sich dem unterziehen, sie machen es in der Regel freiwillig und der Eingriff zielt darauf ab, ihnen zu helfen und nicht sie zu quälen.", "Der Unterschied, was die Qual anbelangt ist aber nur die geistige Bewertung, dass ist Ihnen doch bewußt!", "Ja, aber das eben ist auch der Unterschied. Folter ist nicht zuletzt ein geistiges Erlebnis, ein Akt der Unterwerfung und Erniedrigung, es sind nicht einfach nur die Schmerzen. Die Mädchen erfahren ihre Beschneidung als Aufstieg zur Frau, sie wollen dieses Opfer und erleben sogar eine Feier hernach - verstehen Sie!". Ich verstand und doch war mir nicht wohl dabei. "Sind zu Ihnen auch Frauen aus westlichen Ländern - und damit meine ich jetzt nicht Ägypterinnen, die in Europa leben und hierher zu Besuch kommen - sondern wirklich Deutsche, Amerikanerinnen, Italienerinnen usw. als Patienten gekommen!", "Sie würden staunen, wie viele Frauen aus Ihrem Kulturkreis sich der Behandlung unterziehen. Zumeist wählen sie die Entfernung der vollständigen Klitoris, manchmal mit Kürzung der Labien, allerdings meist ohne weiteres Vernähen außer im Bereich des entfernten Organs. Sie wollen oftmals das Ergebnis, aber zugleich nicht weiter damit auffallen - nicht mal bei einem Arzt, Sie verstehen schon!", "Haben Sie einen Einblick gewonnen, warum sich westliche Frauen dem unterziehen?", " Meistens aus Schuldgefühlen heraus, manchmal spielen masochistische Aspekte hinein und ich habe auch schon Novizinnen gehabt, die das Gelübde ablegen wollten, und die sich hier gewissermaßen eine Erleichterung für ihr weiteres Leben im Zölibat erhofften. Schließlich gibt es auch westliche Frauen, die einen ägyptischen Ehemann wählen und dessen Wünschen oder den Wünschen seiner Familie nachkommen." "Ich sage Ihnen etwas, was ich hier vorbringe erscheint Ihnen sicherlich immer nur als Theorie, warum sprechen Sie nicht selbst mit den Frauen, die sich dem Eingriff unterziehen. Ich stelle Sie gerne meinen Patientinnen vor und kann für Sie auch übersetzen, denn nicht alle sprechen englisch. Wenn Sie es wünschen, können wir auch eine der Straßenbuden besuchen. Ich habe da Kontakte, weil ich gelegentlich schon mal, wenn es zum Notfall kam, ausgeholfen habe. Morgen habe ich ab 10 Uhr Sprechstunde, kommen Sie doch vorbei und bringen Sie Ihre Kamera mit. Nur wenn Sie während der OP fotografieren möchten, sollte das Gesicht der Frau unkenntlich sein, sonst schämt sich hier niemand für diese Behandlung. Sie ist hier einfach selbstverständlich - Sie verstehen!". Ich nahm das Angebot nur zu gerne an. Fortsetzung folgt
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