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Kap. 3 Der Schneesturm
Von ihrer Praxis blickte Natascha auf die Schneeflocken, die im Sturm über der Passeig de Gracia wirbelten. Die letzte Patientin war grade gegangen.. Sie schaute aus dem großen Fenster. Ein weißer Firm bedeckte Straßen, Dächer und Balkons. Gegenüber lag die Pedreira. ein uraltes Gebäude des Architekten Gaudi. Beim Studium hatte sie seine Biographie kennen gelernt. 76 Jahre alt ist er geworden. Am Ende hatte er einen langen weißen Bart. Wie eine Frau in jener vor feministischen Zeit ein solches Tier nur lieben konnte. Oder besser mußte. Sie konnte nichts schönes an einem derart behaarten Mann finden. Nun ja, dachte sie sich. Wenn schon nicht die Frauen, so hat zumindest die Straßenbahn ihn zurechtgeschnitten, allerdings mit letalem Ausgang. Sie schmunzelte. Wie so ziemlich alles mechanische und technische, war auch die Tram ein Werk dieser Kreaturen. Überhaupt metzelten sich Männer gerne selbst. Zwei furchtbare Kriege hatte es zu jener Zeit gegeben. wie oft haben sich die Jungs bis auf die Hälfte abgeschlachtet und verstümmelt? Was ihrer Theorie nahekam, daß im Grunde die Buben das Zurechtgeschnittenwerden doch mögen. Aber daß eine solche Kreatur, wie Gaudi letztlich von Natur aus auch war, solche sinnlichen weichen Formen schaffen konnte, wie das gegenüberliegende antike Haus ließ sie immer wieder an der Theorie des sinnlichen Feminismus rätseln. Plötzlich schrillte das Telefon und warf sie aus ihren Träumen. Praxis Dr. Pawlowa y Mercedes antwortete sie. Hallo Natascha, hier ist Maria. hörte sie an der anderen Leitung. Erinnerst du dich noch an mich Öhem Moment mal, Marias kenn ich einige. Fünftes Semester, Physikum. Maria la Catanza. Wir haben damals zusammen in ner WG gewohnt und uns die kleinen Schwanzträger geteilt. Ach ja die. Jetzt erinner ich mich. Du bist doch damals mit Pauken und Trompeten durchgefallen. Und wie du dann der Professorin die Szene gemacht hast. Wolltest sie sogar zurechtschneiden. Komm tu nicht so! Da hat sich endlich jemand gegen diese Fotzen gewehrt. Und ihr habt euch köstlich amüsiert. Stimmt. Was machst du denn jetzt. Hast du dein Medizinstudium endlich fertig gebracht? Nee ich habs aufgegeben. Hab dann auf Ökologie umgesattelt. Schlag mich jetzt als Wildhüterin oben in den Pyrenäen durch. Ist ganz ordentlich der Job. Schön für dich, aber mir wärs zu kalt dort oben. OAU! Im Sommer ist es hier wunderschön. Aber weshalb ich anrufe: Hast du am Sonntag was vor? NO eigentlich noch nicht. Wollt mir nen gemütlichen Tag machen, bei dem Wetter. Na prima! Ich soll mich nämlich um einen Jungen kümmern. 12 Jahre alt. Ein bildhübsches Kerlchen. Natascha durchzog es kalt durch die Glieder. Du meinst er soll unters Messer! Genau. Er soll in dem Alter. Eigentlich sollte er schon im Sommer zurechtgeschnitten werden. Aber er hat noch keine Kinder... Ham wir darauf jemals Rücksicht genommen? Nö bisher nicht. Aber schad ists bei ihm trotzdem. Nur, er hat bei seiner Einschulung halt eine sechs gezogen. 6 + 6 = 12.. Könntest du kommen? Natascha hatte keine Lust, immerhin waren es fast 400 Kilometer von Barcelona aus zur Valle del Lejro. Muß das sein. Barcelonica ist nicht grade in deiner Nähe. Und das Wetter ist hier ebenso scheiße. Es schneit. Überall Glatteis, etc. Aber du bist Kinderärztin. Wir brauchen dich für die Operation. Habt ihr denn oben keine eigene Ärztin, die das machen könnte. Nein hier bei uns sind nur Veterinäre. Und ne Hausärztin. Die haben zwar schon Pferde kastriert, aber noch nie eine Totalamputation gemacht.... Jedenfalls nicht so, daß das Ergebnis zufriedenstellend wäre. Du weißt schon. Die Glättung des Schritts, so als wäre es schon von Geburt an so. Du meinst, der Junge soll komplett entmannt werden. Das geht nicht so ohne weiteres ambulant. Wir müßten ihn schon entkleiden. Und das mitten im Winter. Außerdem ich schaff das nicht an einem Tag. Kein Problem. Du kannst hier mehrere Tage bei mir im Forsthaus wohnen. Eine Arztpraxis für die Pflege des Opfers stellt dir die Schwester Veronika sicher zur Verfügung. Natascha zögerte Aber dahinkommen... Außerdem wird die Operation mit 3500 Dianas pro Nase vergütet. Und 500 für die Pflege. Tagessatz wohlgemerkt. Das war ein überzeugendes Argument. Natascha konnte dieses Geld wirklich gut gebrauchen, denn ihre Praxis lief im Moment nicht so gut. Also gut! Ich versuch, Samstag abend da zu sein. Sag mir, wie ich jetzt dahin komme. Und was genau am Jungen gemacht werden soll, damit ich weiß was ich mitnehmen soll. Blasenkatheder, Klistier und so weiter. Also was den Knaben betrifft, ihm soll alles unten abgenommen werden. Du weißt schon. Wie du zu mir kommst. Hast du was zum Schreiben. Natascha bejahte. O.K. Du fährst zunächst ganz normal nach Reinosa. Im Stadtzentrum hältst du dich dann rechts und biegst vor der Kathedrale links Richtung Villa de las putas ab. Das ist der Ort. Dort biegst du nach rechts ab und folgst der Straße solange bis du an einer kleinen Steinbrücke kommst. Dann fährst du noch 200 metras und biegst den nächsten Feldweg links ab. Den fährst du bis zum Ende. Dort steht mein Blockhaus. ..
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